Der Einfluß der Parteien auf die Rundfunkanstalten wird immer stärker: Sie streben die absolute Finanzkontrolle über die Anstalten an, das WDR-Gesetz soll in diesem Sinn novelliert werden. Längst sind Aufsichtsgremien entgegen den gesetzlichen Regelungen mit Parteien- und Regierungsvertretern überbesetzt. Daneben ist der immer grotesker werdende Kuhhandel um die Posten längst von der Intendantenebene auf Fernsehdirektoren, Chefredakteure, sogar Hauptabteilungs- und Studioleiter übergegangen. Geht das alles nicht in Richtung auf Staats- und Parteiensender nach französischem Muster, auf reinen Parteibuchjournalismus, auf das Ende des freien Rundfunks?

KLAUS BÖLLING: Vertreter der Parteien lassen es an treuherzigen Erklärungen nicht fehlen, daß auch ihnen die Rundfunkfreiheit heilig sei, aber manches davon hört sich eben doch nach Lippenbekenntnis an. Es ist nicht nur mein Argwohn, daß etliche der Parteienvertreter im Zeichen der allgemeinen Polarisierung in der deutschen Politik die Massenmedien am Halfterband führen möchten. Die Mächtigen im Lande, die sich lange Zeit mit der eindrucksvollen Liberalität unseres öffentlich-rechtlichen Systems geschmückt haben, beginnen den Spaß an kritischem Journalismus zu verlieren. Sie möchten die Programmmacher lieber als Übersetzer der Vorstellungen von Parteien und Gruppeninteressen tätig sehen. Die Neigung wird immer deutlicher, an jedwede Sendung, die nicht die eigenen Positionen bestätigt, beckmesserisch heranzugehen und die Autoren als die Helfershelfer der „anderen Seite“ zu denunzieren. Jeder will sein Deputat und rechnet es oft krämerhaft gegen das des anderen auf. Dabei werden die Journalisten, wenn nicht Gegenkräfte auftreten, in die innere Emigration gedrängt.

Sie sind selber Intendant, stehen also mitten im Feld dieser Auseinandersetzung, dieser Angriffe auf die innere Pressefreiheit. Sehen Sie Möglichkeiten, dagegen anzugehen, gibt es Hilfsmaßnahmen?

BÖLLING: Wenn sich der Prozeß des Freund-Feind-Denkens fortsetzt, sehe ich wenig Chancen, einer negativen Politisierung entgegenzuwirken. Wenn die Mitglieder unserer Aufsichtsgremien ihr Mandat immer häufiger als imperativ begreifen und die Verantwortlichen in den Anstalten es ihnen gleichtun, kommen wir eines Tages womöglich zum politischen Werbefernsehen, das heißt, die Journalisten leisten dann nichts weiter als liebenswürdige Dolmetscherdienste für die um Einfluß und Macht rivalisierenden Parteien und Gruppen. Bitte mißverstehen Sie mich nicht: Der Rundfunk hat zu keiner Zeit außerhalb des Kraftfeldes der Parteien existiert, aber die Parteien haben sich, so verführerisch ihnen das Instrument von Anbeginn an erscheinen mußte, Selbstdisziplin auferlegt, sie haben den Proporz nicht übertrieben, und sie haben nicht versucht, oder doch nur selten, Journalisten an die Kandare zu nehmen. So keusch sind viele in ihren Reihen schon lange nicht mehr. Wenn sie einen Mann, der ihnen „nahesteht“, irgendwo reinbringen, gleichsam investieren, dann wollen sie auch eine Rendite sehen. Und ein anderes: Früher hatten wir mehr zu unabhängigem Urteil aufgelegte Persönlichkeiten in unseren Gremien, Leute, die etwas zu riskieren bereit waren, auch Schelte vom eigenen Verein. Die werden seltener, und die anderen kriegen Zuzug, die auf die Signale aus den Zentralen hören.

Haben sich die Anstalten nicht zum Teil durch eigenes Verschulden in ihre derzeitige Situation manövriert?

BÖLLING: Ja, die Anstalten und manche ihrer Ordensoberen tragen an dieser Entwicklung selber Schuld, daran ist für mich kein Zweifel. Wir haben uns, bewußt oder unbewußt, zu oft als Mentoren und Präzeptoren der Nation aufgespielt, haben unsere Bedeutung verabsolutiert und uns als hehre Institutionen mißverstanden, die sich, um das Ranke-Wort zu profanieren, als „unmittelbar zu Gott“ verstanden. Das Zensurenerteilen ist ohnehin ein Übel des deutschen Journalismus. Vom sicheren öffentlich-rechtlichen Port haben wir die Rolle der Schiedsrichter bisweilen übertrieben, haben die politischen Gruppen, manchmal auch ziemlich hochmütig in die Rolle von Bittstellern verwiesen. Da hat sich bei manchen Politikern eine Menge Ärger angestaut. Wir haben uns zeitweilig im Stande eines elektronischen und radiogenen Gottesgnadentums gefühlt und können uns nicht wundern, daß die Parteien jetzt mit unbandagierten Fäusten auf uns zukommen.

Ihr Kollege Klaus von Bismarck hat in Frankfurt eine sehr seltsame Rede gehalten. intellektuelle Systemveränderer“, sagte er da, „wollen radikalen Wandel“ – und er meint innerhalb der Anstalten Er prangert ihren penetranten Missionarismus an, er spricht von „extrem linken Kräften“, die „Agitprop“ betreiben und denen „ein freundlicher- und im Grunde unpolitischer Liberalismus“ die Hand reiche, und er beklagt eine gefährliche Blockbildung im Rundfunk. Die „Welt“ hat, so etwas natürlich begeistert aufgenommen, andere, etwa der Redakteursausschuß im WDR, haben sich dagegen verwahrt, nennen das eine pauschale Diskriminierung und eine fatale Bestätigung gängiger Vorurteile. Wie sehen Sie daselst wirklich dieser traditionell liberale Sender in Gefahr, eine linke Kaderschmiede zu werden?