Der Fußballweltmeister Brasilien im Umbruch

Von Rolf Kunkel

Vormittags an Rios Copacabana-Strand ein, Blick in die Presse: Posträuber Ronald Biggs hat öffentlich erklärt, ein Anhänger des Fußballklubs Flamengo zu sein, und damit die Herzen der Brasilianer im Handstreich erobert. Nicht politische Parteien, sondern Fußballklubs spalten die Bevölkerung. Man ist Anhänger von Botafogo, Fluminense, Flamengo oder Vascodagama (allein die Namen sind ein Abenteuer), deren Mitgliederzahlen nicht selten 30 000 erreichen und die im gesellschaftlichen Leben Brasiliens eine wichtige Rolle spielen.

Fußball wird zelebriert wie eine Religion, er mobilisiert mehr Anhänger als die Römische Kirche. An Festtagen wirkt das Stadion wie eine große Kirche, die Spieler werden vergöttert, und der Klub wird zu einer heiligen Gemeinschaft. Keiner ist intellektuell oder arm genug, um sich davon zu distanzieren. Vom 80-Dollar-Apartment des Luxushotels Nacional blickt man hinunter auf das schlimmste Elendsviertel von Rio, die Favela Rocinha. Der Kontrast zwischen unermeßlichem Reichtum und unvorstellbarem Elend mag noch so schockierend sein, ein Thema verbindet arm und reich: Fußball. Hier wie dort sind die Namen Beckenbauer und Netzer bekannt. Sie werden mit fast zärtlicher Bewunderung ausgesprochen.

Selten erreichen die Favela-Bewohner den staatlichen Mindestlohn von monatlich 312 Cruzeiros (1 Cruzeiro etwa 40 Pfennig), und doch bringen sie die letzten Centavos an die Stadionkassen, um einen Rivelino zu erleben, der an jedem Tag des Jahres 1000 Cruzeiros kassiert. In den Fußballidolen sieht auch der Ärmste den Glanz des Brasilianertums. Deshalb ist auch der Gewinn der Weltmeisterschaft so wichtig, für viele ist er ein Beweis der nationalen Größe. Nirgendwo ist Fußball so wenig Sport und so viel Politik wie in Brasilien.

Er hat genug getan

Fußball ist eben keine simple Sportart, sondern Kunst. So wird er praktiziert und so wird er konsumiert. Manche Berichte auf den Sportseiten der Zeitungen könnten auch im Feuilleton stehen, Kommentare über Pelé lesen sich wie Rezensionen eines Gedichtbandes. Noch immer kommt das Land nicht ohne diese vier Buchstaben aus. Sie gehen den Torcedores, den Fans, wie Honig über die Lippen. Natürlich ist viel Nostalgie im Spiel, aber selbst Fachleute bestätigen, daß Pelé nichts von seiner Genialität und spielerischen Brillanz verloren hat.