Von Peter Wapnewski

Also: Mein Fahrzeug hat 180 PS. Der Hersteller sagt, damit bringt man es auf 205 Stundenkilometer. Da ich indes den Blauen (wie ich das Auto hier nennen will) scharf eingefahren habe, wird er wohl mehr machen. Den Tachozeiger jedenfalls treibt es gelegentlich bis 220, und das ist, selbst wenn man die Vorweisung einkalkuliert, gewiß ein schönes Stück Schnelligkeit. Empfände ich die Lust dieses Reizes nicht, ich hätte den Wagen weder gekauft noch je schnell gefahren (und mit jeder der beiden Verzichtleistungen meiner Frau eine rechte Freude gemacht).

So viel davon. Es klingt peinlich, erinnert an Kasinoprahlerei feudaler Zeiten, als man in ähnlichem Tone, vermute ich, von Pferden sprach, vom Jeuen oder von Tänzerinnen. Die Vorbemerkung aber war wirklich nötig. Denn ich nehme es auf mich, das gedrosselte Tempo der Autobahn zu loben, ja zu rühmen. Und nehme es auf mich, was unter uns Autofahrern gefährlicher ist, mich zu dieser Neigung offen zu bekennen und öffentlich.

Schuld an solchem Bekennermut ist unmittelbar ein von mir aufrichtig geschätzter Mann der ZEIT, dessen journalistische Meriten nicht zuletzt seinem angelsächsisch geschulten Organ für common sense zu danken sind. Schreibt er freilich von sich und seinem Porsche (er nennt ihn den Roten, Alfred Andersch wird es wundern), dann ist alle Nüchternheit dahin.

Ich sag’s noch einmal: Was es bedeutet an rauschhafter Steigerung des Lebensgefühls, sich von der Woge der Geschwindigkeit entführen zu lassen, das ist mir nicht fremd. Ich verstehe das, aber ich kann es nicht billigen. Denn, so haben wir es doch und endlich gelernt: Das Grundrecht unserer individuellen Freiheit findet da seine Grenze, wo seine Ausübung die freiheitlichen Rechte unserer Mitbürger einengt oder annulliert. Das Verfassungsgericht wird derzeit eingedeckt mit Klagen drosselunwilliger Autofahrer, die sich in ihrer persönlichen Freiheit beschnitten fühlen. Das ist nun wahrlich ein launiges Stück. Was hält man denn von all den anderen Freiheitsbeschneidungen, die bedingt sind durch die gebotene Rücksicht auf das Allgemeinwohl, angefangen von der Einbahnstraße über die Polizeistunde bis zu dem Verbot des unbefugten Waffenbesitzes – und so fort? Der unbändige Freiheitswille der – Deutschen, lauthals weiß die Geschichte ihn nicht, zu rühmen, und zumal die neuere nicht. Jedoch die Freiheit, aufeinander loszurasen und den nächsten, auch den übernächsten tödlich zu gefährden und wertvolles Material dazu – die Freiheit meinen sie.

So weise, wie ich mich hier gebe, bin ich seit kurzem erst. Den neuen Zustand danke ich den Arabern und ein bißchen auch dem bedächtigen und nicht eben durch Fortune belohnten Minister Lauritzen. Sie haben mir die Chance zum Erproben eines Autogefühls geschenkt, das ich freiwillig nicht im Traum (oder allenfalls im Traum) ausprobiert hätte. Nicht nur nicht, weil ich es ja höchst reizvoll fand, durch eine kleine Bewegung des Gaspedals eine große Masse sogartig vorwärtszureißen; sondern weil ich auch Teil jener Kollektivpsychose auf unseren Straßen war, deren blankes Gesetz lautete: Rette sich wer kann – und zwar nach vorne. Je schneller, je besser. Schnell ist groß. Quick is beautiful.

Was zur Folge hatte, daß Deutschlands Autobahnen und -straßen eine einzige öffentliche Rennstrecke wurden. Anders als in jedem anderen zivilisierten Land.