Von Kai D. Eichstädt

Wolfgang-Dieter Wehr, Generaldirektor des Frankfurter Intercontinental Hotels, ist gewohnt, daß er um Rat gefragt wird; immerhin leitet er seit fünf Jahren Deutschlands größtes Nachtquartier. Also dachte er sich auch nichts dabei, als er Anfang Februar in die Europazentrale der amerikanischen Inter-Continental Hotels Corporation (IHC), einer Tochtergesellschaft der US-Fluggesellschaft Pan American World Airways (Pan Am), gerufen wurde. Nach dem Gespräch mit dem Boß hatte Wehr allerdings selber Rat nötig: Der Amerikaner hatte dem Deutschen zu verstehen gegeben, daß er mit dessen Arbeit nicht mehr zufrieden sei. Ein paar Tage später präsentierte IHC einen neuen Generaldirektor für das Frankfurter Luxushotel.

Die Frankfurter Branchenkollegen registrierten die Abberufung mit unverhohlener Schadenfreude. Nicht, daß sie Wehr die Kündigung gönnen – sie halten ihn nach wie vor für einen „ausgezeichneten Mann“, so der Marketing-Boß der A. Steigenberger Hotelgesellschaft, Deutschlands größtem nationalen Hotelkonzern. Vielmehr werten die Frankfurter Hoteliers den Personalwechsel am Frankfurter Schaumann-Kai als Indiz, daß auch die mächtigen Amerikaner Angst vor der Zukunft haben.

Nachdem sich in München internationale Hotelkonzerne in den letzten fünf Jahren einen gnadenlosen Bettenkrieg mit dem heimischen Gewerbe geliefert haben, hat sich jetzt Frankfurt zu einem neuen Schlachtfeld um die Gunst der Gäste entwickelt.

Noch vor drei Jahren waren die Hoteliers in der hessischen Banken- und Industriemetropole mit dem Geschäft zufrieden. Bei einem Angebot von insgesamt 8835 Hotelbetten erreichten sie mit knapp über zwei Millionen Übernachtungen eine profitable Auslastung von rund 64 Prozent. Nur Hamburg, damals noch ohne Loews Plaza und Interconti, konnte bessere Werte melden.

Die Frankfurter profitierten von dem internationalen Messezentrum und dem Rhein-Main-Flughafen; beide brachten viele in- und ausländische Besucher an den Main. Vor allem während der Messen waren in Frankfurt sämtliche Hotels ausgebucht. Die Stadtväter der ehemaligen Reichsstadt ließen sich deshalb ein Gutachten über die Nachfrageentwicklung im Hotelsektor ausarbeiten. Das Ergebnis: Bis 1985 müßte das Bettenangebot verdoppelt werden, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.

Die Prognose bestätigte, was die Marktexperten der internationalen Schlafkonzerne schon auf eigene Faust recherchiert hatten. Doch offensichtlich haben sich alle verrechnet, denn inzwischen steht Frankfurt vor dem gleichen Problem wie München: Auch am Main bleiben im Durchschnitt über die Hälfte aller Hotelbetten leer. Denn die Hoteliers glaubten an den zukünftigen Besucherboom und bauten um die Wette neue Bettensilos. 1969 erweiterte Intercontinental seine 500-Betten-Herberge am Main um einen Anbau mit 300 Betten und Steigenberger eröffnete in der Nähe des Flughafens das Airport-Hotel.