Von Wolfram Siebeck

Man mag gegen die Bundespost sagen, was man will – daß sie zuverlässig ist, wird man nicht bestreiten können. Vor allem seit ihr eine Kapazität wie Professor Ehmke den schwächer werdenden Puls hält, kann man Wetten darauf abschließen, daß sie in regelmäßigen Abständen einen Anfall kriegt. Dabei handelt es sich entweder um eine Gebührenerhöhung oder einen Vorschlag von der Sorte, die man „kostensparend“ nennt. Ein beschönigendes Wort, hinter dem sich, wie jeder Mediziner weiß, nichts anderes verbirgt als das Eingeständnis vom hoffnungslosen Zustand des Patienten. Bei der Bundesbahn, die ebenfalls in bejammernswertem Zustand dahinsiecht, hat man in einem kostensparenden Anfall an vielen Zügen die Speisewagen amputiert, was geschmacksempfindlichen Reisenden vorübergehend Erleichterung verschaffte.

Das neueste Beispiel für die berühmten Therapien des Professors Ehmke ist seine Ankündigung, Briefe künftig nur noch im Postkutschentempo zu befördern. Begründet hat er die geplante Langsamkeit so: „Es ist nicht einzusehen, warum die Post... aufwendige Einrichtungen ... aufrechterhält, nur um Rechnungen oder Liebesbriefe unbedingt innerhalb eines Tages zu befördern.“

Richtig! Viel Unheil hätte verhütet werden können, wenn Liebesbriefe erst viel später, möglichst aber gar nicht, angekommen wären. Was allerdings die Rechnungen angeht, so bleibt abzuwarten, ob die Post ihren Kunden die Telephonrechnungen nun auch in aller Gemächlichkeit zustellen wird.

Darüber hinaus aber wird es wohl jeder besonnene Zeitgenosse begrüßen, wenn den Rasern bei der Post endlich das Handwerk gelegt wird. Die physischen Belastungen, denen bei hohen Geschwindigkeiten jeder Organismus ausgesetzt ist, verstärkt durch den psychischen Streß, den ein Liebesbrief hervorruft, rechtfertigen schon allein die neue Maßnahme, der Post das Sterben zu erleichtern. Überhaupt ist nicht zu übersehen, daß sich auch in anderen Bereichen des Lebens eine Neue Langsamkeit ausbreitet, die sich wohltuend von der Hektik der Vergangenheit abhebt. Die Regierung demonstriert schon seit langem, wie unschädlich Reformen sein können, wenn man sie nur schön langsam vorantreibt. Bei der geringen Geschwindigkeit hat der Bürger endlich Gelegenheit, in aller Ruhe die Landschaft zu betrachten. Und auch die wird langsam immer weniger, dank des beschaulichen Tempos, mit dem der Umweltschutz betrieben wird.

Zweischneidig scheint die Langsamkeit nur auf den Autobahnen zu sein, wo sich Porschefahrer zwar nicht mehr den Hals, wohl aber, wie sie klagen, den Finger in der Nase abbrechen, worin sie vor lauter Langeweile bohren. Langeweile ist aber keine notwendige Folge der Langsamkeit. Im Gegenteil! Die Spannung, ob ein heute abgeschickter Brief schon übermorgen oder erst in drei Tagen im Nachbarort ankommt, wird sich zweifellos verstärken, wenn die Neue Langsamkeit nun auch postalisch wirksam wird: Dann wird sich niemand mehr nach einer Woche gelangweilt in der Nase bohren können in der Gewißheit, daß der wichtige Brief nun endgültig verlorengegangen ist. Erwartungsfroh klopft dann das Herz auch noch, wenn es nach Monaten an der Türe klingelt.

(Vorausgesetzt, daß es dann die Bundespost noch gibt.)