Zwei Wochen auf Gotland: Rosen, Rauken und Ruinen

Von Barbara von Jhering

Der eine züchtet Obstbäume und der andere Rosen. Der eine macht das Beste aus Gotland, der andere findet, die Insel sei das Beste, was ihm zustoßen konnte. Der erste ist Einheimischer, der zweite Wahlbürger. Und beide würden sie ihre Insel nie verlassen.

Axel Kebbe aus Käbbe auf Gotland bekümmert, was den Touristen freut: das trockene Klima, das seinen Obstbäumen die notwendige Feuchtigkeit vorenthält. Aber er wußte sich zu helfen und pumpte kurzerhand Ostseewasser über die Wurzeln. Dank des geringen Salzgehaltes waren Birnen und Äpfel trotzdem süß. Axel Kebbe aus Käbbe ist heute der reichste Obstbauer der Insel.

Friedrich Mehler kam im Jahre 1925 nach Gotland, um zwei Wochen zu bleiben. Er blieb bald fünfzig Jahre. Ihn faszinierte die Geschichte des Ortes. „Für Historiker“, sagt er, „gibt es keinen besseren Platz“. Eine Geschichte war es vor allem, die ihn auf immer an die Insel band: Die Begegnung zwischen dem Prior Petrus de Dacia aus Visby und der Beginernonne Christine von Stommeln im 13. Jahrhundert. Aus dem Briefwechsel der beiden (Petrus de Dacia gilt als der erste Schriftsteller Schwedens) machte Mehler, Komponist und Studienkollege von Wilhelm Kempff, ein „geistliches Musikschauspiel“, das alljährlich Höhepunkt des schwedischen Festspielsommers ist.

Anderen, die wie Mehler nach Gotland kamen, war es nicht vergönnt zu bleiben. Aber sie sind Bewunderer der Insel geblieben und haben ihr immer neue Namen nachgerufen: Größte Insel in der Ostsee; Schatzinsel des Mittelalters; Insel der hundert Kirchen; Capri des Nordens; Insel der „Rosen, Rauken und Ruinen“. Doch wie das so ist mit freundlich gemeinten Nach-Rufen – sie sagen nur die halbe Wahrheit.

Größte Insel in der Ostsee: Das gilt allenfalls für die östliche Ostsee. Seeland ist größer. Aber auch auf Gotland mit seinen 125 Längen- und 53 Breitenkilometern kann man das Meer nicht immer sehen. Riechen kann man es überall.