Hamburger Bürgerschaftswahl

Von Dieter Buhl

Das Hamburger Rathaus erscheint vielen Bürgern als ein besonders prächtiges Symbol hanseatischer Kontinuität und Macht. Die Ästheten freilich muß es eher verwirren. Die Stadtbaumeister des 19. Jahrhunderts haben sich beim über fünfzig Jahre währenden Planen und Bauen von vielen Stilen beeinflussen lassen und von der Früh- über die Spätrenaissance bis hin zum Klassizismus keine Richtung unberücksichtigt gelassen. Wie in einem Patrizierhaus sind Repräsentationsräume und Kontore fein säuberlich getrennt. Und als Kontrapunkt zu allem stilistischen Überschwang fallen die Diensträume des Ersten Bürgermeisters doppelt auf: durch ihre Kargheit.

Die Amtszimmer mit ihren Möbeln, den Photographien und bescheidenen Bildern passen zum derzeitigen Bürgermeister Peter Schulz; er ist kein Liebhaber aufwendiger Repräsentation. Seinen Konkurrenten um die Bürgermeisterwürde, Erik Blumenfeld, hingegen kann man sich in dieser schmucklosen Umgebung nicht so recht vorstellen. Für ihn käme der Umzug aus der eleganten Chef-Suite seiner Brennstoffirma in die erste Etage des Rathauses fast einem Abstieg gleich – wenn Mobiliar ein Maßstab wäre.

Aber es geht bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen am Sonntag um mehr als ums Büro-Interieur, und es gibt deutlichere Unterschiede zwischen den Kandidaten als ihren persönlichen Geschmack. Die Kontraste offenbaren die Konterfeis schon klarer, die den Hamburgern in den letzten Wochen von den Plakatwänden ins Auge blickten. Braungebrannt, überproportional bebrillt und dennoch leicht verwechselbar mit dem Nachbarn von der Ecke, lächelt ihnen Peter Schulz entgegen. Distinguiert, überaus elegant, ganz Aufmerksamkeit für ein Wohnungssuchendes Ehepaar oder eine bedrückte Hausfrauenschar – so präsentiert sich Erik Blumenfeld.

Im Vierfarbendruck schienen die Kandidaten alle Klischees zu bestätigen, die über sie im Umlauf sind. Der eine wirkte blaß trotz seiner Bräune, der andere wie ein Polit-Playboy trotz aller Sorgenfalten. Doch die Hamburger kennen beide zu lange und zu gut, um sich von den Werbe-Experten täuschen zu lassen. Wenn die Hanseaten die neue Bürgerschaft und damit ihre künftige Regierung wählen, mag es vielen von ihnen schwerfallen, zwischen Parteien oder Programmen, zwischen landespolitischer Notwendigkeit und vielleicht peinlicher bundespolitischer Signalwirkung zu entscheiden. Wenigstens die Spitzenkandidaten bieten da einen Gegensatz.

Peter Schulz ist schwer beschreibbar. Auf viele wirkt er fast wie ein Mann ohne Eigenschaften. Als der damals Einundvierzigjährige 1971 das Amt des Ersten Bürgermeisters übernahm, mußte er zwangsläufig so erscheinen, denn er wurde an seinem Vorgänger Herbert Weichmann gemessen, einer kantigen, farbigen und selbst, wo sie Widersprüche herausforderte, imponierenden Persönlichkeit. Doch damals schon war das Urteil nicht ganz gerecht. Denn bevor er auf dem Sessel des Bürgermeisters Platz nahm, war Peter Schulz für die Hamburger längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Als Leiter des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der den skandalösen Tod eines Untersuchungshäftlings in der „Glocke“ klaren sollte, hatte er 1966 die erste Stufe seiner Blitzkarriere zurechtgezimmert. Das problembelastete Justiz-Ressort, später die Schulbehörde, waren die nächsten Etappen auf seinem Weg nach oben. Im Sommer 1971 übernahm Schulz das erste Amt im Stadtstaat von Herbert Weichmann.