Über die Geschichte des militärischen deutschen Geheimdienstes unter Admiral Canaris, genauer des Amtes Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, steht eine befriedigende Darstellung noch aus. Die in der Bundesrepublik erschienenen Veröffentlichungen (Leverkühn, Reile, Gehlen, Abshagen, Buchheit) sind durch das Bemühen gekennzeichnet, die „Abwehr“ vom Makel einer Identifikation mit den unmenschlichen Zielen der NS-Führungsspitze gänzlich freizusprechen; auch gehen die Autoren davon aus, daß die Originaldokumente (Akten, Tagebücher, usw.) bei Kriegsende großtenteils vernichtet worden seien. Umgekehrt stehen die in der DDR publizierten Darstellungen (Albrecht Charisius-Julius Mader: „Nicht länger geheim– Aufbau, System und Arbeitsweise des imperialistischen deutschen Geheimdienstes“, Berlin 1969; Julius Mader: „Hitlers Spionagegenerile sagen aus“; 2. Aufl., Berlin 1971) allzu sehr im Dienste einer tagespolitisch motivierten Polemik gegen die Bundesrepublik und fußen zudem, entgegen dem Anspruch, dokumentarisches Licht über die verbrecherische Geschichte der Abkehr zu breiten, nur in geringem Maße auf Quellen, welche die Tätigkeit der Abwehr unmittelbar widerspiegeln.

Eine günstige Ausgangssituation, um wenigstens für einen Teilbereich der Abwehr die Darstellung durch reichliches Quellenmaterial abzusichern, bot sich dem Amerikaner Ladislas Farago, als er 1967 in einer Kammer der National Archives in Washington einen bedeutsamen Fund gemacht hatte: In einem Blechkoffer entdeckte er Hunderte von noch versiegelten Schachteln mit Mikrofilmen; unter ihnen: die kompletten Unterlagen der Nebenstelle der deutschen Abwehr in Bremen, welche auf die Amerikaspionage spezialisiert war, und viele Dokumente anderer deutscher Abwehrstellen.

Mit diesem (P)funde verstand Farago zu wuchern. Sein 1971 erschienenes Buch „The Game of tue Foxes“ rückte rasch auf den ersten Platz der Bestsellerliste in der New York Times; es fand eine gute Presse und wurde sogar von dem renominierten britischen Historiker Trevor-Roper belobigt. Eine deutsche Übersetzung ließ. denn auch nicht lange auf sich warten:

Ladislas Farago: „Das Spiel der Füchse. Deutsche Spionage in England und den USA 1918 bis 1945“. Ullstein Verlag, Berlin 1972; 406 S., 28,– DM.

Der Autor beschränkt sich auf die Darstellung der Abwehrtätigkeit in England und Amerika und kommt zu dem sicherlich glaubwürdigen Ergebnis, daß die Abwehr „eine sich abmühende und recht manierliche Organisation (war), deren Planungen und Listen naiv und schüchtern erscheinen und es oft genug auch waren“. Seine zweifellos spannende, leicht lesbare Schilderung läßt die handelnden Personen als Figuren eines tausendfältig verschlungenen Kriminalromans erscheinen, deren individuelles Schicksal Farago oft nicht ohne Sympathie aus der Fülle des Materials nachzeichnet. Es ist geradezu staunenswert, was der Autor alles aus den vielfach verschlüsselten Meldungen herausknobelt und zusammenpusselt.

Doch leider ist das „Spiel der Füchse“ weniger, wie der Einband preist, ein unglaubliches, sondern eher ein unglaubhaftes Buch. Trotz der reichlich fließenden Quellen und der ausführlich zu Rate gezogenen Literatur (oder gerade auch wegen der bedenkenlosen Verarbeitung solch zweifelhafter Produkte wie der Bücher von Spivak und Rogge) hält Faragos Werk einer wissenschaftlichen Nachprüfung nicht stand. Der Rezensent hat sich der Mühe unterzogen, eine ganze Reihe von Passagen des Buches an Hand einiger im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Bonn vorhandener Vergleichsdokumente zu überprüfen. Es zeigte sich immer mehr: der lindige Farago verstand es, das historische „Material“ nach Lust und Laune zurechtzukneten.

Beispiel 1; S. 244 ff: „Schon 1936 war Dr. Heinrich Norte unter dem Deckmantel eines Leiters der Gesandtschaftskanzlei nach Mexiko geschickt worden, um die Arbeit vorzubereiten und Tor allem mit dem schon weitverzweigten Spionageapparat Verbindung aufzunehmen, den die Japaner entlang der gesamten Pazifikküste aufgebaut hatten.“ Nach Kriegsausbruch legte, Dr. Northe laut Farago „die Grundlagen zu dem späteren phantastischen ‚Bolivar-Netz‘ von geheimen Kurzwellensendern, die so eilige Nachrichten wie Geleitzugrouten nach Deutschland übermittelten.“ Doch im Herbst 1940 stieß die deutsche Abwehr in Mexiko auf entscheidende Schwierigkeiten: „In einer Besprechung am 14. Oktober 1940 sagte Schleebrügge zu Dr. Norte, man solle sich nichts vormachen, das Spiel sei aus.“

Die deutschen Akten weisen demgegenüber aus: Dr. Heinrich Northe kam schon im Jahre 1935 als Attaché an die deutsche Gesandtschaft in Mexiko und wurde später dort zum Legationssekretär ernannt. Bereits im Februar 1939 wurde er an die Gesandtschaft in Tschungking (China) versetzt. Eine unmittelbare Befragung hätte Farago deutlich gemacht, daß Dr. Northe überdies mit Canaris’Geheimdienst gar nichts zu tun hatte!

Beispiel 2: In einem Telegramm vom 21. September 1940 beklagte sich der in die Dienste der Abwehr getretene Wirtschaftsfachmann Joachim Hertslet, der eine gewisse Rolle bei deutschen Intrigen gegen die Wiederwahl Präsident Roosevelts spielte: „... damit ihr seht, daß der Wert meiner Aktionen von U.S.A. Regierung wenn auch nicht von Berlin anerkannt wird“. Farago vermißte oder übersah in seinen Unterlagen Weisungen an Hertslet im Monat Juni 1940, die jedoch in dichter Folge gegeben wurden; so datierte er die verbitterte Äußerung Hertslets kurzerhand auf den 1. Juli 1940 vor, und in der Übersetzung der Übersetzung heißt’s dann so: „Dies beweist, daß der Wert meiner Aktivität von der amerikanischen Regierung höher eingeschätzt wird als von Berlin“ (S. 292).

Der Verdacht drängt sich auf, daß Faragos „Bericht“ auch an den ungeprüften Ecken solch windschiefe Stellen aufweist. Erinnert sei an die Bauchlandung, die Farago machte, als er letztes Jahr dem stern seine Bormann-Story verkaufen wollte. Der wertvolle Fund aus den National Archives gehört nicht in die Hände eines Autors, der ihn zu einer gewinnbringenden Kolportage verarbeitet, die nach dem Ullsteinschen Waschzettel „aufregender als jeder Spionagethriller“ ist, sondern in die Hände ernsthafter Historiker.

Klaus Volland