Ein Vorwurf der Baader-Meinhof-Verteidiger und was wirklich dahintersteckt

Von Hans Schueler

Es wird häufig behauptet, Angehörige der Baader-Meinhof-Gruppe würden systematischer Folterung unterworfen. Hans Schueler untersuchte mehrere Einzelfälle. Sein Fazit: Der Pauschalvorwurf ist unberechtigt, aber die Behandlung einzelner Untersuchungshäftlinge ist auch kein Ruhmesblatt für die deutsche Justiz.

Im August 1973 erschien das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene 32. Kursbuch mit einem schier unglaublichen Titel: "Folter in der BRD". Die Redaktion erklärte im Vorwort, sie habe das Heft nicht geplant; es sei ihr "durch die politische Realität förmlich aufgezwungen" worden: In den Haftanstalten der Bundesrepbulik würden politische Gefangene gefoltert, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne durch Zufügen körperlicher Qualen, sondern auf raffiniertere Weise – durch "sensorische Deprivation", Die angeblichen Opfer der Psycho-Tortur: Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe, vor allem Astrid Proll und Ulrike Meinhof.

Was unter sensorischer oder sensorieller Deprivation zu verstehen ist, erläuterte der für den Strafvollzug in Nordrhein-Westfalen zuständige Landesmedizinaldirektor Petri schon vor Jahresfrist in einem Aktenvermerk für Justizminister Diether Posser: "... eine lang anhaltende, vollständige Ausschaltung aller Sinneseindrücke im Experiment. Dieser Versuch erzeugt ein intensives Verlangen nach Sinneseindrücken und Körperbewegung, starke Suggestibilität, Denkstörungen, Konzentrationsschwäche, depressive Stimmung, eventuell Halluzinationen und entspricht damit dem Symptombild einer extremen sozialen Isolierung, wie man sie etwa bei Schiffbrüchigen oder bei verschütteten Bergleuten beobachtet (deprivatio: Beraubung, Verarmung)."

Der Amtsarzt hatte seine Kenntnis vom Wesen und von den Folgen der Deprivation freilich nicht in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf gewonnen, in der Ulrike Meinhof heute noch sitzt und Astrid Proll bis zum April vergangenen Jahres untergebracht war. Er stützte sich vielmehr auf Versuche einer psychiatrischen Forschungsstelle in Hamburg, die mit freiwilligen Testpersonen in einer camera silens, einem hermetisch abgeschlossenen, schalldichten Raum vorgenommen wurden. Dabei traten psychische Ausfallerscheinungen schon nach wenigen Stunden auf.

II.