Im innerdeutschen Dialog scheint die Stagnation überwunden zu sein. Das jüngste Treffen zwischen den beiden Unterhändlern Gaus und Nier auf der niederrheinischen Wasserburg Gymnich zeigte einen Kurswechsel an, über dessen Motive die Bonner Diplomatie noch rätselt.

Einen Tag vor dem Treffen, am Mittwoch voriger Woche, hatte SED-Chef Honecker während seines Kuba-Besuches Vorschläge angekündigt, die die Gespräche zwischen beiden deutschen Staaten „einen guten Schritt voranbringen“ sollen.

In Gymnich erwiesen sich dann Honeckers Ankündigungen nicht nur als kubanische Rhetorik. Drei Folgeverträge zum Grundvertrag werden nach Bonner Auffassung bald unterschriftsreif sein: Je ein Abkommen über den Post- und Fernmeldeverkehr, den nichtkommerziellen Warentausch und das Gesundheitswesen.

Nach Hinweisen aus Bonn hat die DDR ihren Widerstand gegen die Einbeziehung Westberlins in diese Verträge aufgegeben. Bekanntlich enthält das Berlin-Abkommen keine Generalklausel für die Einbeziehung Westberlins in Nachfolge- Vereinbarungen. Sie muß jedesmal neu ausgehandelt werden.

An der Uneinigkeit darüber scheiterte bisher auch jeder Fortschritt im innerdeutschen Sport-Gespräch. Der Deutsche Sportbund erfuhr aber nach der neuesten Tendenzwende vom Kanzleramt, daß es „aussichtsreich“ sei, die nächste Einladung vom Deutschen Turn- und Sportbund der DDR anzunehmen.

Spätestens für Mitte April erwarten die Eingeweihten nun auch einen Abschluß der bisher zähflüssigen Gespräche über die gegenseitigen diplomatischen Vertretungen. Strittig ist die Frage der Zuordnung im jeweiligen Gastland. Da die DDR aus ihrer Sich: mit der Bundesrepublik auf rein völkerrechtlicher Grundlage und nicht kraft „besonderer Beziehungen“ verkehrt, wünscht sie, daß die Außenministerien die beiderseitige „Anlaufstelle“ seien. Das von Honecker signalisierte Entgegenkommen kann demgegenüber nur auf Bonns Kompromißlösung hinauslaufen: Der Ostberliner Ständige Vertreter wird seinem Außenministerium verantwortlich und dem Bundeskanzleramt zugeordnet sein. Beim Bonner Repräsentanten in Ostberlin ist es dann umgekehrt.

Daß der deutsch-deutsche Dialog sich von längeren Erstarrungen befreit, bewies auch ein Geländeaustausch in Westberlin. Nach fünf Jahre langen Verhandlungen überläßt die DDR das Gelände des Potsdamer und Anhalter Güterbahnhofs dem Senat zum Bau von Wohnvierteln. Für diese Flächen im Umfang von zehn Hektar erhält die DDR-Reichsbahn, die noch immer Betriebsrechte auf dem ehemaligen Reichsbahngelände in Westberlin ausübt, ein großes Areal im Süden der Stadt zum Bau eines neuen Güterbahnhofs.

Die Planung dafür übernehmen West und Ost gemeinsam. Den größten Teil der Kosten – beide Projekte zusammen rund 600 Millionen Mark – trägt der Senat.