Von Peter Demetz

Earl Kraus rühmte sich einmal, eine völlig neue Art gefunden zu haben, Wien unerträglich zu finden; aber das Schwierige ist eben, daß uns das Unerträgliche nirgends erträglicher einherkommt als zwischen Kärntnerstraße und Kobenzl. Wie lebt man in einer Stadt, in der man nicht leben kann?

Vorne Operette, hinten die Dämonen; inneres Exil, aber bei exzellentem Rindfleisch oder Powidl-Krapfen im Café Hawelka; und während die Piefke-Dichter, in Berlin und anderswo, die Menschheit als Ganzes durch ihre Texte zu verändern suchen, reibt man sich hier, besonders nach der Jause, an der Kulturpolitik eines hochlöblich sozialistischen Magistrats, schimpft über die Hausmeister und die Bourgeoisie und raunzt über den Mythos der alten Kaiserstadt. So genießt man des wunderbaren Vorteils, Wiener zu sein und ein Thema zu haben, auch wenn man keines hat; und die Invektive gegen diese Stadt steigert sich ins Weltliterarische.

Ob das genügt? „Heugeig’n, du bist furchtbar in deinem Grimme“, sagt das Linerl ihrem radikalen Bräutigam Hyginus Heugeig’n in Nestroys „Lady und Schneider“, und daran denk’ ich bei der Lektüre der neuesten Heugeig’n-Werkstattinterviews, im Buch von –

Hilde Schmölzer: „Das böse Wien“ – Gespräche mit sechzehn österreichischen Künstlern; Nymphenburger Verlagshandlung, München, 1973; 215 S., 22,– DM

in dem Maler, Schriftsteller, Graphiker, Filmfans und die mehr oder minder musischen Ingenieure von Reaktions- und Abreaktionsspielen über ihre Abneigungen, Kollegen, Arbeiten und Hoffnungen berichten.

Wolfgang Bauer, der eigentlich in Graz lebt, erinnert uns an Ionesco (er hat ihn zum Schreiben gebracht) und Proust (wird angeblich überschätzt); Christian Ludwig Attersee erzählt von seinen Segelsport-Preisen (unhamlich fad) und wie er seine Bilder lanciert; da sind Professoren der Akademie, Seelenschlieferln und zarte Anarchisten von „mittlerer Barrikadenhöhe“; Lotte Ingrisch, die noch immer mit Matthias Claudius und Stifter „kommuniziert“ (allerdings eine rühmliche Ausnahme unter dem progressiven Künstlervölkchen); Kurt Kren, den man seiner Filme wegen von seinem Posten in der österreichischen Nationalbank suspendierte (war eh nix los, dort); Hermann Nitsch, der Erneuerer des orgiastisch-dionysischen Theaters zu halben Preisen (unhamlich fad); von den Literaturstars fehlt Oskar Wiener, aber der wollte, auf echt eingeborene Art, „nicht im Zusammenhang mit Wien genannt werden“.