Schlußspurt der Liberalen – Heath als Wettfavorit

Von Karl-Heinz Wocker

London, im Februar

Das Sicherste, was sich über den britischen Wahlkampf sagen ließ, waren die Ungewißheiten. Sie begannen mit veränderten Ausgangspositionen. Es gab fünf Wahlkreise mehr als bisher, und in nicht weniger als 329 Wahlkreisen hatte eine Reform die Grenzen völlig neu gezogen. Hinzu kam ein neues Wählerverzeichnis. Es erschwerte die für Großbritannien und das Mehrheitswalhrecht typische Wahlkampfform – das Vorsprechen der Kandidaten an möglichst vielen Wohnungstüren, vor allem an denen der eigenen Anhänger. Zu allem Überfluß gab es für den Stimmenfang nicht viel Zeit. Anfang Februar kannte noch niemand den Abstimmungstermin, an diesem Donnerstag wurde schon gewählt.

Nicht viele Briten werden also Muße gehabt haben, die Wahlprogramme der drei wichtigsten Parteien zu studieren – wenn sie überhaupt ein Exemplar zu sehen bekamen. Druckereien und Vertrieb waren in Zeitnot. Deshalb wurden umfangreichere Broschüren vermieden. Das Programm der Labour Party war nur 16 Seiten dick, die Tories brachten ihres sogar in einer Acht-Seiten-Kurzfassung heraus; nur die Liberalen beanspruchten 28 Blatt.

Gerade die Liberale Partei aber war schon nach der ersten Wahlkampfwoche der eigentliche Herausforderer. Sie versprach, „das große Gesicht Großbritanniens“ zu verändern. Ihr Wahlplakat machte deutlich, daß es dabei auch um ein neues Gesicht in Downing Street gehe: um Jeremy Thorpe. Obwohl er um seinen eigenen Wahlkreis bangen mußte, brachte ihm jede neue Umfrage eine bessere Voraussage; die günstigste lag bei 28 Prozent der Stimmen. Das bedeutet aber beim Mehrheitswahlrecht noch nicht 28 Prozent der Sitze. Bekäme er die, zöge er rund 180 Kandidaten mit sich ins Parlament, und das britische Zweiparteiensystem wäre erst einmal am Ende.

Thorpe stellte deshalb alles auf Mäßigung ab. Der 44jährige Anwalt (Eton, Oxford; Vater und Schwiegervater sind konservative Abgeordnete) möchte gern das Zünglein an der Waage sein, nicht aber der Totengräber liebgewordener Institutionen. Eine Parlamentskrise könnte der Wirtschaftskrise kaum zuträglich sein. Thorpe erklärte deshalb, die eigentlichen Extremisten seien die beiden großen Parteien; sie monopolisierten das politische Leben. Doch das alte Kreuz der Liberalen, das Wahlsystem, wurde in ihrem Programm nicht direkt angesprochen. Was sie sich jahrzehntelang wünschten, ein Verhältniswahlrecht, brauchten sie beim derzeitigen Aufwind gar nicht mehr zu fordern.