Von Dietrich Strothmann

Das Land der Juden, der Christen, der Sonne, der Kibbuzim, der Strände, der Wüste und der Orangenplantagen: Israel. Moses war hier, und darum, unter anderem, kommt auch Mister Goldblüth aus Detroit. Jesus war hier, und deshalb kommt auch der Pater Neunkirch mit seinen Pfarrkindern. Die Sonne scheint hier, in Eilat zum Beispiel, und aus diesem Grund verbringt im Februar der Pariser Tauchfan Marais an diesem Ort seinen Zweiturlaub. Im Kibbuz Ayelet Haschahar oberhalb des See Genezareth läßt sich das "einfache Leben" erleben, aus diesem Anlaß arbeitet dort der zwanzigjährige Günther Kleinschmidt aus Soest für zwei Monate.

Israel also ist ein Urlaubsland, wie es sonst kein zweites gibt. Hier ist alles anders als anderswo. Für das Jahr 1985 rechnete das Touristikministerium in Jerusalem mit zwei Millionen Israel-Urlaubern, bei gerade drei Millionen Israel-Einwohnern. Wo gibt es das sonst noch? Es schienen also alle Touristik-Blütenträume zu reifen: Hotels schossen aus dem Boden, die Werbung lief auf Hochtouren, Araber aus den besetzten Gebieten wurden für Urlaubsjobs getrimmt, neue Autobusse eingekauft. Nach dem Stand von 1972 – damals gab es einen Besucherzuwachs von insgesamt elf Prozent, allein aus der Bundesrepublik von 26,7 Prozent (40 000) – waren neben den 18 000 vorhandenen Hotelzimmern über 10 000 im Bau und fast 13 000 auf dem Reißbrett präpariert. Damals stand der Tourismus, vor Diamanten und Zitrusfrüchten, an der ersten Stelle der Exportstatistik: 727 000 Urlauber brachten Israel rund 640 Millionen Mark ein. Für 1973 rechnete man mit 850 000 Touristen und entsprechenden Devisen-Millionen. Das Rezept – Land der Bibel, Land der Sonne, Land des Außergewöhnlichen – schien zu stimmen.

Dann kam der 6. Oktober, der Krieg. Zwischen diesem Monat und dem Dezember fiel die Erfolgskurve steil ab: über 45 Prozent weniger Touristen kamen in das Heilige Land des unheiligen Kampfes. So sind denn auch gegenwärtig noch die Maschinen der Lufthansa nur zu etwa 30 bis 40 Prozent besetzt, in der Luftfracht immerhin zu über 50 Prozent ausgelastet.

Heute, ob in Tel Aviv, in Jerusalem oder in Eilat, stehen viele Hotels fast leer, wird an neuen Projekten kaum gearbeitet, fehlen mancherorts die Fachleute, weil sie auf dem Golan oder im Sinai Waffen, tragen müssen. Israel vier Monate nach dem letzten Waffengang, in dem es nicht wie im Juni 1967 glanzvoll zu siegen vermochte und neues Touristenland eroberte (das Jordan-Westufer, das Hermon-Gebiet, Scharm el Sheich an der Sinai-Südspitze), – Israel heute tut sich schwer, ein Ferienparadies zu sein: heiter, unbeschwert, voller Reisereize.

Als es noch, vor jenem Oktober, touristisch in Hochform war, ein Land schier unbegrenzter Urlaubsmöglichkeiten (Skilaufen auf den Hängen des Hermon, eine knappe Flugstunde danach Baden in den Fluten des Roten Meeres), wurde bereits mancherorts Kritik laut: Welche Gäste will Israel eigentlich haben? Vor allem etwa den wohlhabenden Juden aus New York? Für sie wurden die Luxusherbergen, mit Staatszuschüssen, aus dem Boden gestampft (60 Prozent der neu gebauten oder geplanten Hotels tragen 4 und 5 Sterne). Zur gleichen Zeit aber rührten die amtlichen Propagandisten die Werbetrommel für den Massentourismus. Israel sollte nicht nur das Ziel sein für christliche Pilger oder zionistische Diasporajuden, nicht allein für Solidaritätsbekenner oder Exklusivbesucher. Es wollte ein Urlaubsland werden wie jedes andere, für jedermann. Obendrein sollte der Bädertourismus (Totes Meer, Tiberias-Quelle) angekurbelt werden. Große Pläne, doch noch geringe Chancen. Und daran ist nicht nur der Krieg schuld.

Massentourismus setzt nicht nur niedrige Preise voraus (bei einem Anstieg der israelischen Lebenshaltungskosten für 1974 von vermutlich 20 Prozent). Er verlangt auch entsprechende Hotelkategorien und Charterflugkapazitäten. Mit beiden aber ist es in Israel vorläufig noch nicht zum besten bestellt.