Von Edith Zundel

Rund 20 000 Jugendliche leben in der Bundesrepublik in Heimen. Sie wurden dort eingewiesen, weil sie von zu Hause weggelaufen oder wegen Eigentumsdelikte aufgefallen waren. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, arbeiten diese Heime nach strengen Disziplin- und Ordnungsmaximen; ihr Resozialisierungseffekt ist gering. Immer wieder laufen Jugendliche aus diesen Heimen davon. Viele von ihnen leben dann illegal im Untergrund unserer Großstädte. In Köln schätzt man die Zahl dieser „Trebegänger“ auf 500 bis 1000. Im Rahmen der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre entstanden in verschiedenen Städten der Bundesrepublik Jugendwohnkollektive, zum Teil mit hohen politischen und emanzipatorischen Ansprüchen. Viele dieser Kollektive hatten nur eine begrenzte Lebensdauer. Andere, wiederum dienen, den Behörden als progressives Feigenblatt oder auch als ernsthafter Versuch, neue Arbeitsformen zu finden.

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Die Vollversammlung der Studenten der Fachbereiche Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Fachhochschule Köln beschloß: Erst demonstrieren wir, und dann nehmen wir sie auf. Die Zeitungen sollen darüber schreiben, das Fernsehen soll berichten und von den Kanzeln soll es gepredigt werden: Was macht unsere Gesellschaft mit ihren Außenseitern? Ein Pogrom veranstaltet sie! Das Engagement der Studenten galt dem Kölner „Verein Sozialpädagogischer Sondermaßnahmen“, kurz SSK, einem Mekka obdachloser Jugendlicher, wo entlaufene Heimzöglinge oder solche, die keine Familie haben oder es dort nicht mehr aushalten, einen Unterschlupf fanden. Zu APO-Zeiten konzipiert, hatten progressive Christen vom „Politischen Nachtgebet“, Sozialarbeiter, Pädagogen und vor allem Studenten hier mitgearbeitet.

Zuletzt wurden etwa 220 Jugendliche betreut, etwa 80 in kleineren Wöhngemeinschaften, etliche in Familien und sonstigen Unterkünften und rund 70 im Hotel Astor und im Kontaktzentrum in der Vorgebirgsstraße in Köln. Per ministeriellem Erlaß ist die Arbeit in den Großunterkünften jetzt verboten. Die Voraussetzungen für eine angemessene Betreuung der Jugendlichen waren den Behörden nicht mehr gegeben.

Im Klartext heißt das: Krach, Krawalle, Koitus hinter hell erleuchteten Fenstern, häufige Polizeieinsätze irritierten die Kölner Bürger so, daß die Behörde sich schließlich gezwungen sah, einzuschreiten. „Der SSK hat sich mit den unbegrenzten Neuaufnahmen übernommen“, meint der Sozialdezernent.

Sie; demonstrierten also und nahmen die Jugendlichen dann in ihrer Hochschule auf. Die jungen Leute schleppten nicht ganz heile Matratzen und Decken in die Seminarräume. Die Organisation klappte.