Streit zwischen Ärzten und Versicherungen über das Geschäft mit der Krebserkennung

Hans Schmatz, Ministerialdirektor im bayerischen Arbeits- und Sozialministerium, ist empört: „Auf diese Weise kann man mit einem wohlwollenden Minister nicht Schindluder treiben.“ Sein Zorn gilt den Landesverbänden der bayerischen Orts-, Betriebs-, Innungs- und Landwirtschaftskrankenkassen, die über den Kopf der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) hinweg einen Vertrag über Vorsorgeuntersuchungen mit dem Institut eines von der KV boykottierten Außenseiters abgeschlossen haben. Damit aber haben sie nach Ansicht von Schmatz seinen Minister Pirkl „hereingelegt“ und in eine prekäre Situation gebracht.

Der Mann, an dem die Krankenkassen trotz gewichtiger juristischer Bedenken auch in den eigenen Reihen ein Exempel ihrer unkonventionellen Einstellung statuieren wollen, ist der 64-jährige Vorsorgemediziner Professor Wilhelm Vaillant, der erst vor wenigen Jahren quasi über den „dritten Bildungsweg“ in die Bereiche der Medizin eindrang. Der einstige technische Reichsbahnrat und Dr.-Ing. hatte nach dem Krieg mit einem Juristen als Partner die Riva-Fernsehstudios in Unterföhring im Norden Münchens aufgebaut. Als die Chancen für freie Produzenten immer mehr schwanden, verkaufte er die Ateliers an den Bayerischen Rundfunk, errichtete daneben aber neue Studios mit noch modernerer Einrichtung, die zunächst vom Zweiten Deutschen Fernsehen gemietet wurden.

Als sie dann Anfang 1967 für 27 Millionen Mark in den Besitz der Mainzer Anstalt übergingen und Vaillant sich einen Reinerlös von fünf Millionen in die Tasche stecken konnte, war er schon dabei, sich einen Jugendtraum zu erfüllen: Er studierte Medizin, machte 1969 an seinem 60. Geburtstag sein Staatsexamen und promovierte einige Jahre später mit einer Arbeit über Früherkennung von „Mammakarzinomen“ (Brustkrebs) durch einen sogenannten Thermographen, einen „Wärmeschreiber“.

Im vergangenen Jahr hat der inzwischen zum Honorarprofessor avancierte begeisterte Medizin-Techniker in der Ismaninger Straße in München ein „Institut für Vorsorgemedizin“ eröffnet, in das er bisher fast vier Millionen Mark investierte. Es wird zwar in der Rechtsform einer privaten GmbH geführt, ist aber der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München als „Institut an der TH“ angeschlossen.

Der ebenso zielstrebige wie eigenwillige Vaillant, der ohne Erben ist, verpflichtete sich dafür, das ganze Institut dem Freistaat Bayern zu vermachen und so der Fakultät zu erhalten. Bisher weigert sich die Kassenärztliche Vereinigung aber einen Institutsvertrag mit Vaillant, der so gar nicht in das herkömmliche Schema der Schulmedizin paßt, abzuschließen. Er kann nur den Satzfür eine normale Vorsorgeuntersuchung verrechnen (18 Mark), während die besonderen Leistungen des Instituts (Thermographie) bis zu 100 Mark kosten können.

Vaillants Antrag auf angemessene Honorierung lehnte die KV mit der Begründung ab, daß es genug Röntgenfachärzte gebe. Eine Klage Vaillants dagegen läuft seit über einem Jahr beim Sozialgericht. Versuche der um den Fortschritt der Medizin bemühten Krankenkassen, den besonderen Service im Institut Vaillant ihren Versicherten zukommen zu lassen, scheiterten am harten Widerspruch des „Medizinpapstes“ Hans Joachim Sewering, Präsident der Bundesärztekammer und Vorstandsvorsitzender der KV Bayern. Seiner Meinung nach wäre der Abschluß eines Vertrages mit dem Außenseiter Vaillant eine Bevorzugung, die durch nichts zu rechtfertigen sei.