Zuversicht ausstrahlend, landete der amerikanische Außenminister Kissinger am Dienstag in Damaskus, um ein Truppenentflechtungsabkommen auch zwischen Syrien und Israel zustande zu bringen. Seine vierte Nahost-Mission ist zugleich seine schwierigste, denn Staatspräsident Assad hat nicht die gleiche Autorität innerhalb des Volkes und der Regierung wie Sacat in Kairo, und Ministerpräsidentin Golda Meïr in Jerusalem regiert ohne Mehrheit.

Die geplanten Gespriche über ein Disengagement werden zusätzlich belastet durch die ihnen vorgelagerte Frage der israelischen Kriegsgefangenen. Bisher hat Syrien nicht einmal die Namen der 80 Gefangenen freigegeben. In der vergangenen Woche berichtete aber die halbamtliche Kairoer Zeitung Al-Ahram, daß Kissinger in Jerusalem eine syrische Liste mit den Namen überreichen und dafür Israels „prinzipielle“ Zusicherung erhalten werde, die im Oktober 1973 neu eroberten Gebiete Syriens zu räumen.

Die Übergabe der Gefangenen selbst knüpft Syrien an die israelische Erlaubnis zur Rückkehr der 170 000 von den Golanhöhen geflüchteten und Vertriebenen Syrer. Der größere Teil von ihnen, 147 000, hat seine Heimstätten schon im Junikrieg 1967 verloren.

Die Beiruter Zeitung Al-Bayrak zitierte Staatspräsident Assad mit den Worten, die Genfer Konvention betreffe sowohl Kriegsgefangene wie Zivilisten in besetzten Gebieten. Israel könne nicht beides zugleich: einen Teil der Genfer Konvention erfüllt bekommen und einen anderen verletzen.

Im Gegensatz zum Nervenkrieg an Israels Nordflanke und ungeachtet der Querelen um die israelische Regierungsbildung – Golda Meïr rang um ein neues Kabinett unter ihrer Führung – wird am Suezkanal der Fahrplan des Disengagement-Abkommens vom 18. Januar genau eingehalten.

Am Donnerstag voriger Woche räumten die Israelis das Westufer des Suezkanals. Tauben wurden aufgelassen, und Leutnant Cohen zog die Flagge vom Mast. Er war der erste gewesen, der am 16. Oktober unter ägyptischem Feuer den Suezkanal überquert hatte; jetzt verließ er als einer der letzten den Boden Afrikas. Zu den Symbolhandlungen gehörte auch, daß Fallschirmjäger den Kanal schwimmend überquerten – so wie sie seinerzeit das Westufer erobert hatten.