Von Dietrich Strothmann

Noch vor knapp einem halben Jahr sah alles anders aus: Im Nahen Osten bewegte sich nichts. Weder Krieg noch Friede, hieß die Formel. Ägyptens Staatschef Sadat schützte "Nebel" vor, wenn er wieder einmal einen seiner angekündigten Angriffstermine verpaßt hatte; die Israelis proklamierten selbstherrlich: "Wir weichen keinen Zentimeter zurück." Moskau wartete ab; Washington hatte seine Vermittlungsbemühungen aufgegeben.

Dann kam der Oktoberkrieg, von den Arabern halb gewonnen, von den Israelis halb verloren. Und er setzte wie bei einem Sturmgewitter alles in Bewegung: Amerikas Außenminister Henry Kissinger brachte erst den Waffenstillstand, sodann das Suez-Abkommen zustande. Sadat stieg zum ungekrönten König der arabischen Welt auf, mit Hilfe auch der Erfolge auf dem Öl-Schlachtfeld. Golda Meïr aber, Israels Regierungschefin, mußte nach ihrer Wahlniederlage zum erstenmal in der Geschichte des Landes ein Minderheitenkabinett bilden und auf einen ihrer fähigsten Minister, Moshe Dayan, verzichten.

Plötzlich geht wieder vieles: Ausgleich, Entspannung, vielleicht sogar eines fernen Tages Frieden. Denn die Starken, Unnachgiebigen von einst sind jetzt die Schwachen, Kompromißbereiten. Und die Gedemütigten, Hoffnungslosen sind nun die Stolzen, Fordernden. Der Berg, so scheint es, kommt zum Propheten.

In dieser Situation der verkehrten Fronten schickt sich Henry Kissinger ein zweites Mal an, den Frieden etwas möglicher zu machen – dieses Mal, nach seinem diplomatischen Meisterstück am Suez, in einer ähnlichen Bravourleistung am Golan, durch einen israelisch-syrischen Militärvertrag.

Zumindest das Vorspiel gleicht dem vom Januar, ehe es zu dem Entflechtungs-Abkommen am Kanal kam: Fast täglich knallen an der Golan-Front die Kanonen (nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums gab es seit dem letzten Oktober über 200 Zwischenfälle). Woche für Woche schrauben die Kontrahenten öffentlich ihre Bedingungen für ein Einlenken immer höher (Jerusalem kündigte die Anlage neuer Wehrsiedlungen, sogar einer Stadt auf dem besetzten Gebiet an; Damaskus verlangte Israels totalen Rückzug und die Rückkehrerlaubnis für nahezu 170 000 geflüchtete Bewohner, ehe es die Namensliste der 80 Kriegsgefangenen aushändigen wollte.

Das aber war unterdessen – nicht öffentlich – geschehen: Aus Israel war Kissinger signalisiert worden, daß für entsprechende Garantien (eine UN-Pufferzone wie am Ostufer des Suezkanals) die während des Oktoberkrieges eroberten Gebiete (900 Quadratkilometer) geräumt werden. Von Syrien wurde ihm zugesichert, daß er die Gefangenenliste zur Übergabe an die Israelis erhält und das Versprechen, im Laufe der Verhandlungen dürften Vertreter des Roten Kreuzes die Inhaftierten besuchen. Sadats Emissäre sagten Kissinger überdies zu, das anti-amerikanische Ölembargo werde aufgehoben, sobald der Golan-Pakt perfekt sei.