Am Rentenmarkt hat sich eine dramatische Wende vollzogen. Während im Januar noch zahlreiche Rentenexperten an eine Herabsetzung des Nominalzinssatzes von 9 1/2 auf 9 Prozent glaubten und diesen Schritt für „irgendwann“ im März voraussagten, ist der Zug inzwischen nach der anderen Seite abgefahren. Mit Renditen von 10,5 Prozent und mehr haben wir auf dem Rentenmarkt die Rekordzinshöhe vom vergangenen Sommer wieder erreicht. Wer zu Beginn dieses Jahres 9 1/2prozentige Papiere erworben hat, ist bereits um einiges armer geworden. Zehnprozenter kosten heute weniger als 100 Prozent. Die 8 1/2prozentigen Emissionen vom vergangenen Frühjahr sind schon zu 90 Prozent erhältlich. Das heißt, daß ihre Besitzer den Kursverlust nicht durch den Zins ausgleichen konnten, von einem Ersatz des Kaufkraftschwundes gar nicht zu reden.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, meine verehrten Leser, lautet: Ist die gegenwärtige Entwicklung nur eine Art „Betriebsunfall“, oder zeichnet sich bereits wieder ein echter Zinsaufwärtstrend ab? Ist das letztere der Fall, müßte man sich schleunigst von seinen festverzinslichen Werten trennen, um mit ihnen nicht noch weitere Kursverluste zu erleiden. Ist dieser Rückschlag aber nur vorübergehender Art, dann wäre es an der Zeit, gerade jetzt Rentenwerte zu kaufen.

Analysieren wir die Entwicklung der letzten Wochen: Kurz vor Jahresschluß setzte auf dem Rentenmarkt der übliche Kursanstieg ein. Alle größeren Anleger waren sich einig; ihnen war an möglichst hohen Kursen gelegen. Die Abschreibungen auf Effekten sollten so niedrig wie möglich sein. Die Rentenfonds brauchten überdies eine möglichst günstige Jahresbilanz. Daß die Kurse am Jahresultimo „verschönt“ und wenig echt waren, wußte man. Es bestand aber die Hoffnung, daß das Kursgefüge – durch die am 1. Januar jeden Jahres freiwerdenden Zins- und Tilgungsmilliarden, der größte Teil wurde bisher stets wieder angelegt – die Rentenkurse stützen würde.

Dies war der Irrtum Nr. 1. Der Ansturm auf die festverzinslichen Papiere blieb aus. Mit Mühe konnten die beiden neuen 9 1/2prozentigen Anleihen plaziert werden; Teile davon schwirren noch bei den Kreditinstituten herum.

Nun hofften die Rentenexperten auf die Bundesbank. Sie meinten, daß sie aus Gründen der Konjunkturstützung bereit sein würde, die Kreditzügel lockerer zu lassen. Das war Irrtum Nr. 2. Bis in die letzten Tage hinein hat die Bundesbank betont, wo bei ihr die Priorität liegt, nämlich bei der Bekämpfung der Inflation.

Mit dem zweistelligen Tarifabschluß im öffentlichen Dienst ist nicht nur eine der vielen Lohnrunden zu Ende gegangen, sondern auch die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Kaufkraft-Stabilität. Bundesregierung und Bundesbank haben immer, wieder betont, daß zweistellige Tarifabschlüsse unweigerlich auch zweistellige Inflationsraten zur Folge haben müßten. Die Bundesregierung hat dem zweistelligen Abschluß im öffentlichen Dienst zugestimmt und damit den Weg für eine Verschärfung des Inflationstempos selber frei gemacht. Niemand darf sich wundern, wenn jetzt daraus die Konsequenzen gezogen werden.

Dem Rentenbesitzer bleibt in dieser Situation nur die Hoffnung, daß sich der international rückläufige Zinstrend auf die Dauer auch bei uns niederschlagen wird. Für den Neusparer ist das indessen kein Trost; denn er muß an möglichst hohen Zinssätzen interessiert sein, um die Inflationsfolgen überwinden zu können. Wem es richtig ist, daß der Zins am Kapitalmarkt um etwa zwei Prozent über der Inflationsrate liegen müßte, so wäre vermutlich bei einer zehnprozentigen Anhebung der Lebenshaltungskosten ein Nominalzins von zwölf Prozent gerade richtig.