ARD, Montag, 25. Februar: „Ein Herz und eine Seele“ von Wolf gang Menge

Nie ist mir Hebbels Meister Anton näher gewesen als am Montagabend um neun. Nie habe ich das Ausrufungszeichen hinter dem Satz Ich verstehe die Welt nicht mehr! so entschieden gebilligt wie zu dieser Stunde. Ich verstehe sie wirklich nicht mehr. Da habe ich nun gelesen (es stand im „Guardian“, formuliert von George Vine), Alfred Tetzlaff, der ins Deutsche übertragene Held einer vom Englischen ins Amerikanische transponierten Fernsehserie, sei eine Art domestic Hitler, vulgär, kleinbürgerlich und tyrannisch, witzig und reaktionär. Da habe ich, um Informationen bemüht, aus dem „Rheinischen Merkur“ erfahren, dieser Alfred Tetzlaff (englisch: Alf Garnett; amerikanisch: Archie Bunker) könnte ein unehelicher Sohn von Charlie Chaplin sein oder ein Stiefbruder des großen Jack Lemmon – ein Mann auf jeden Fall, der dem Betrachter am Bildschirm Gelegenheit gebe, „den Schritt von der albernen Blödelei zum intellektuellen Blödeln zu vollziehen“. Da hat mich die „Frankfurter Allgemeine“ auf die Dissonanz von Karikatur und normaler Zeichnung, will heißen: auf den Widerspruch zwischen satirischer Vergröberung (der Hauptperson) und naturalistischer Wiedergabe (des vernünftigen Schwiegersohns und der nicht minder vernünftigen Tochter) aufmerksam gemacht. Da habe ich aus dem „Sonntagsblatt“ gelernt, wie es anzustellen sei, daß man am Bildschirm nicht, wie es bisher geschah, mit Alfred, sondern über Alfred lachen kann, und aus der ZEIT war zu ersehen, wieso es kommt, daß Nazi-Alfred so, viel Beifall erhält: Er spricht aus, was die anderen denken und fürchten und hoffen. Und schließlich habe ich dann auch noch den „Extra-Dienst“ gelesen, aus Berlin, der mich ermahnte, über dem Lachen das Denken nicht zu vergessen.

Die Mahnung war überflüssig. So sehr ich mich anstrengte – zum Lachen reichte es nicht. So sehr ich mich mühte, in diesem kleinen, von Notdurft geplagten Karnevalisten das miese Ekel, den Familien-Hitler und hinterfotzigen Haustyrannen zu sehen: Meiner Phantasie waren Grenzen gesetzt. Was ich sah, war eine Karnevalssendung, die sich von anderen Karnevalssendungen nicht unterschied. Die gleichen Schwanke, die gleichen Dialoge, die gleiche Popo- und Busen- und Pinkelklamotte. Ein (schlechter) Millowitsch mit einem Magengeschwür, harmlos (ach, wären die wahren Alfrede, diese Drei-Zimmer-Dregger, doch ebenso harmlos!), einfallsarm und ohne Witz. Was daran zum Lachen ist, wieso der Mann komisch sein soll, ist mir ein Rätsel. Dann doch lieber gleich die Bütt von Mainz! Bäcker sind ja von Natur aus faul: Tusch und Helau! Mein Hut ist kein Hut, sondern ein Zweispitz: Narhalla-Marsch! So ging das eine dreiviertel Stunde, unintelligent und verdrossen gemacht, quälte sich hin mit törichten Gesprächen, die, statt zu parodieren, parodiereif sind mit Reprisen und Variationen (alles war schon besser, schlagkräftiger, präziser: Was soll einem auch einfallen, wird Menge gedacht haben, zum Fasching? Ach, hätte er doch lieber geschwiegen!), mit überfremdeten Klischees, mit Langeweile und mit Kalauern, die Kalauer waren und nicht deren Denunziation. Kurzum, der Antifasching, der Fasching in Potenz (durch doppelte Bejahung verneinend) paßte nur zu gut ins Bild dieser Tage. Der große Menge – ein kleiner Ernst Neger.

Was aber Alfred angeht, die Kunstfigur, wie sie von ihrem Autor genannt worden ist, so wird, zumindest nach dieser Sendung, gefragt werden müssen: Wieso eigentlich Kunst? Momos