Mißt man das Ergebnis an den vorher geäußerten Hoffnungen, so hat das Treffen der 24 mittel- und südamerikanischen Außenminister mit ihrem nordamerikanischen Kollegen Henry Kissinger wenig erbracht. Vergleicht man jedoch diese Begegnung in Mexiko mit früheren interamerikanischen Konferenzen, so zeigt sich eine spürbare Klimaverbesserung. Der Felsbrocken feindseligen Mißtrauens,der bis jetzt die Nord-Süd-Straße blockierte, ist noch nicht zur Seite gerollt; aber alle Beteiligten haben gemeinsam daran gerüttelt und freudig-erstaunt festgestellt, daß er sich bewegen läßt.

Der gemeinsame Versuch war möglich, weil sich die Vereinigten Staaten vorher über strittige Fragen geeinigt hatten: mit Panama über die Kanalzone, mit Peru über die Entschädigung für enteignete amerikanische Konzerne, mit Mexiko über die Wasserrechte am Colorado-Fluß. Nach diesen Zeichen guten Willens fand Kissingers Versicherung Glauben, daß Washington seine besondere Verantwortung für Lateinamerika anerkenne und in drei Punkten beweisen werde: Keine Kürzung der Auslandshilfe, keine direkte oder indirekte Einmischung in die Innenpolitik anderer Staaten, kein Handelsprotektionismus, sondern rasche Verabschiedung von Zollpräferenzen für Lateinamerika.

Dem Zuckerbrot folgte die Peitsche. An Kissingers kühlem Nein scheiterte der Versuch einiger Länder, die leidige Streitfrage Kuba auf die Tagesordnung zu setzen. Immerhin löste der Ärger über diese Zurückweisung manche ideologischen Verkrampfungen. Die lateinamerikanischen Staaten gaben die Fiktion einer Einheitsfront gegen Washington auf und verhandelten realistisch: Gegensätze und Rivalitäten innen wie außen wurden beim Namen genannt. Es wird künftig nicht einen einzigen Dialog zwischen Nord und Süd, sondern viele verschiedene Gespräche zwischen dem Norden und Staaten des Südens geben.

Die Regierungen Lateinamerikas haben sich immer mit der Entscheidung schwer getan, was sie bevorzugen sollten: Unabhängigkeit bei wirtschaftlichen Not oder Hilfe aus Washington, die regelmäßig stärkere Abhängigkeit bewirkte. Kissinger hat ihnen einen pragmatischen Mittelweg angeboten: Hilfe zur Selbsthilfe.

Lateinamerika hat solche Versprechen schon öfter gehört, zuletzt in der gescheiterten „Allianz für den Fortschritt“. Kissingers nüchternen Zusagen fehlte dagegen jedes Pathos. Lateinamerika ist damit besser gedient: Interessen lassen sich kalkulieren, gute Vorsätze nicht. H. B.