ZEIT: Nach dem Tarifabschluß im öffentlichen Dienst und den schon erkennbaren Steigerungsraten im Metallbereich werden zweistellige Preissteigerungsraten vorausgesagt. Ist die Stabilitätspolitik damit am Ende?

Klasen: Die Stabilitätspolitik darf nie am Ende sein. Da wir den gesetzlichen Auftrag cazu haben, müssen wir alles in unseren Kräften. Stehende tun, um den befürchteten Preisanstieg zu bremsen. Wir können nicht die Flinte ins Korn werfen und werden es auch nicht tun, obgleich ich freimütig zugeben muß, daß die Arbeit der Bundesbank durch die Entwicklungen in der letzten Zeit sehr schwer geworden ist.

ZEIT: Sie haben mehrfach deutlich gemacht, daß die Bundesbank auch weiterhin Geld und Kredit knapp halten will. Müssen da nicht zwangsläufig die Zinsen weiter steigen?

Klasen: Wir müssen immer entscheiden, welche von verschiedenen Gefahren für die Aufrechterhaltung unseres Wirtschaftssystems die größte ist. Das ist nach unserer Auffassung gegenwärtig die Gefahr weiter steigender Preise. Die Unternehmer werden jetzt versuchen, die durch die Lohnerhöhungen eintretenden Kostensteigerungen recht großzügig auf die Preise umzulegen. Beispiele dafür sind der Bundesbank bekannt. Ebenso wird versucht werden, die durch die Öl-Irise verursachte Verknappung mancher Produkte ebenfalls zu Preiserhöhungen auszunutzen. Wir können also bei keinem der Tarifpartner davon ausgehen, daß sie im Interesse der Allgemeinheit bereit wären, auf Vorteile zu verliebten, die sie auf Grund der gegebenen Markt- und Machtverhältnisse erzielen können.

Das einzige Mittel, dem entgegenzuwirken, ist der Entschluß des Zentralbankrates, die zur Fortsetzung dieser preissteigernden Entwicklung notwendige Geldmenge nicht zur Verfügung zu stellen. Das ist ein sehr schwieriger Weg, weil knappes Geld und hohe Zinsen für viele Wirtschaftszweige und für viele Einzelpersonen mit Härten verbunden sind. Wir haben aber keine Alternative. Die andere Möglichkeit wäre, mit der Inflation zu leben, und das bedeutet für unser Wirtschaftssystem, mit der Inflation unterzugehen. Eine Inflation würde gerade für minderbemittelte Bevölkerungskreise so viele Ungerechtigkeiten mit sich bringen, daß dadurch unsere Gesellschaftsordnung kaputtginge.

ZEIT: Welche Strategie will die Bundesbank unter diesen Umständen einschlagen?

Klasen: Ich persönlich hatte die Hoffnung, die Bundesbank könnte, wenn die Lohnsteigerungen innerhalb der Empfehlung des Bundeskanzlers gelegen hätten, ihre bisherige Politik lockern und damit die Zinsen leicht senken. Diesen Weg hätte ich gern dem Zentralbankrat vorgeschlagen, weil ich deutlich sehe, welche Belastungen die hohen Zinssätze für viele bedeuten. Das ist aber leider nicht möglich. Wir können, weil dadurch die Preisbewegungen nach oben nur beschleunigt würden, zur Zeit nicht lockern. Ob wir darüber hinaus unsere Restriktionspolitik sogar verschärfen müssen, kann ich jetzt noch nicht sagen. Bundesfinanzminister Schmidt hat erklärt, daß die Bundesregierung ihre Stabilitätspolitik nunmehr neu überdenken müsse. An diesem Prozeß werden wir vom Zentralbankrat beteiligt werden. Erst danach werden wir klarsehen, was getan werden muß.