Berlin

Heinrich Lummer, der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, hatte es läuten gehört. In einer Parlamentsdebatte im Dezember 1971 faßte er den Unwillen der Opposition an den vom Senat mit der DDR ausgehandelten Zusatzvereinbarungen zum Viermächteabkommen in die Worte: „Die Freiheitsglocke hat einen neuen Klang bekommen!“ Und Lummer, so schien es, hatte recht.

Als jetzt Handwerker die im Schöneberger Rathaus aufgehängte Glocke wegen eines Getriebeschadens inspizierten, entdeckten sie am Geschenk der amerikanischen Schutzmacht einen Riß. Was der feinhörige CDU-Politiker behauptet hatte, konnten nun Experten bestätigen. Der alte Klang jener im Oktober 1950 nach Berlin gelangten Nachbildung der in Philadelphia aufbewahrten Liberty Bell – er ist tatsächlich dahin.

Ein Zusammenhang zwischen der Senatspolitik des Jahres 1971 und dem Glockenriß besteht allerdings nicht. Der Hausherr des Ratsgebäudes, der Schöneberger Bezirksbürgermeister Alfred Gleitze (SPD), widerlegte nach kurzem Aktenstudium den Lummerschen Kurzschluß. Gleitze fand heraus, daß bereits sein Vorgänger 1967 auf einen damals haarfeinen Riß im Glockenmantel aufmerksam gemacht worden war. Ein Jahr zuvor hatte sich der zentnerschwere Freiheitsglocken-Klöppel aus seiner Verankerung gerissen und war auf die Turmplattform gestürzt.

Der Bezirksbürgermeister schließt heute nicht mehr aus, daß die Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg bald ganz verstummt. Eine westdeutsche Glockengießerei, die sich bisher als einzige in der Lage erklärte, den Schaden zu beheben, hat nichts mehr von sich hören lassen. Gleitze: „Hoffentlich müssen wir die Glocke nicht gerade dann stillegen, wenn der Senat wieder eine Abmachung mit der DDR getroffen hat.“ H. P.