Wenn ein Komponist, einer der renommiertesten zumal, wenn also Mauricio Kagel eines seiner Werke, ein Auftragsstück auch noch, sieben Jahre lang in der Schublade liegen läßt, bevor es uraufgeführt wird, so hat das gewiß seine Gründe, aber auch seine Tücken. Sieben Jahre sind heute in der musikalischen Entwicklung eine lange Zeit, und für einen so stark aus der Innovation und Phantasie heraus produzierenden Musiker wie Kagel könnten sieben Jahre bedeuten, sich selber überrundet zu haben.

Ein „Streichquartett“ – wer komponiert denn heute noch Streichquartette? Inzwischen weiß man, daß eine der üblichen Gattungsbezeichnungen bei Kagel eher bedeutet, daß er diese Gattung in Frage stellt, daß er die Funktionen aufbricht und damit die Strukturen bloßlegt, sie als Mechanismen erkenntlich macht und damit ein Vakuum schafft, in das er aus den Fragmenten ein neues Stück hineinstellt.

Ein Streichquartett: das ist für Kagel zunächst einmal die Anwesenheit von vier Individuen, die sich fürchterlich anstrengen, zueinander zu finden und gemeinsame Sache zu machen, die aber meist nur zu einem Teilerfolg kommen – tot capita tot sententiae. Und so erscheinen bei Kagel die Musiker für den ersten Satz nur sukzessive, in geraumen Abständen, nehmen auf entfernten Positionen Platz, trainieren vor sich hin, wechseln den Ort mehrfach, erst im zweiten Satz finden sie zu der üblichen Gruppierung; aber noch im letzten Takt stören sie einander, blockieren sie sich gegenseitig.

Ein Streichquartett: das sind vier Musiker, die mit einem Bogen auf Saiten Töne erzeugen. Und so läßt Kagel seine vier Streichakrobaten auf ihren Instrumenten vorführen, wie und mit welch unterschiedlichen Ergebnissen Töne erzeugt werden können: gestrichen und gezupft, ja selbst auf den F-Löchern geblasen, mit den Bogenhaaren und mit der Stange, als starrer und als Vibrato-Ton, lang durchgezogen und im Tremolo, hinter dem Steg, normal, auf dem Griffbrett und vor dem Frosch, natürlich erzeugt und verfremdet, mit Tesa-Film etwa, mit Seidenpapier oder unter einem Tuch, von einem Fünfmarkstück gedämpft oder mit Büroklammern, mit Streichhölzern verstimmt oder mit einer Stricknadel angezupft – ein lustiges Theater?

Ein Streichquartett: das ist aber auch ein Stück, eine Form, ein strukturierter Ablauf. Und so hat Kagel eine Dramaturgie erfunden, die zwar nicht mehr den klassischen Sonatensatz in Reinkultur darstellt, die aber die Modelle deutlich macht, eine „Exposition“, eine „Durchführung“, eine „Reprise“, aber eben all diese Teile mit Fragezeichen, und die Antwort lautet keinesfalls uneingeschränkt „ja“.

Ein Streichquartett: das ist weiter eine mehrteilige Satzfolge, ein gerichtetes Stück, Sonatensatz-langsamer Satz-Menuett-Finale. Kagel verzichtet zunächst auf die Logik der Folge, indem er darum bittet, zwischen die beiden Sätze seines „Streichquartetts“ ein anderes Werk einzuschieben. Er entledigt sich aber darüber hinaus auch noch der Richtung, und bei der Uraufführung im „Neuen Werk“ des Norddeutschen Rundfunks wählte das LaSalle-Quartett denn auch konsequent die umgekehrte Reihenfolge der Sätze, Und mit ungeahnter Präzisison stellt sich sofort ein, worauf Kagel zielt: Der Hörer versucht den Zusammenhangwiederherzustellen – und gewissermaßen automatisch reflektiert er die „Störungsfaktoren“, das eingeschobene Stück, die ganze Programmfolge und die sich darin offenbarenden Entwicklungsstufen,

Streichquartett: das ist schließlich ein gesellschaftliches Phänomen. Nun kann auch Mauricio Kagel, indem er die Attitüden einer hohl gewordenen Verhaltensweise vorführt, weder die verlorengegangene Intimität einer Hausmusik noch den verfeinerten Kunstgenuß der Connaisseurs zurückgewinnen. Aber indem er sich eben nur scheinbar lustig macht und doch mit ganzer Strenge den vollen Einsatz seiner Interpreten fordert, zeigt er den häutnah dabei sitzenden Zuhörern zweierlei: wie heiter Musik sein und den Zuhörer machen kann, und wieviel Ernst doch dahinter steht – Kunst: eine Arbeit. Das ist zwar die Tücke des Objekts, aber auch der Grund für sieben Jahre, die es hat warten müssen – überrundet hat es sich dabei keineswegs.

Heinz Josef Herbort