Von Christian Schultz-Gerstein

Die Absicht des „Werkkreises“, die Öffentlichkeit „über einen weitgehend nichtöffentlichen Lebensbereich unserer Umwelt“ zu informieren, die Bemühung, Arbeiter zum Schreiben über Mißstände in Betrieben und Büros anzuregen, das individuell Geschriebene durch gemeinsame Diskussion stilistisch zu verbessern und politisch zu pointieren, um es dann in Buchveröffentlichungen und Lesungen der Arbeiterschaft zugänglich zu machen – die Verwirklichung dieses Projekts droht, wie das in der vorigen Ausgabe beschriebene Hamburger Beispiel zeigte, hier und da in aktivistischer Betriebsblindheit leerzulaufen.

Frei von solcher Vereinsmeierei sind vor allem die Werkstätten, die gerade, wie in Recklinghausen, neu gegründet wurden oder die sich, wie in Dortmund, neuerdings der Volkshochschule angeschlossen und dadurch neue Mitglieder angezogen haben, welche das alte Gruppengefüge auflösen. Dort wird wirklich ernsthaft und perspektivenreich diskutiert.

Was aber bewegt eigentlich jemanden, in einer Werkstatt mitzuarbeiten? Und sind es wirklich vorwiegend Arbeiter, oder ist auch der „Werckreis“ einer dieser akademischen Proletariervereine, den die linke bürgerliche Intelligenz dazu benutzt, sich von ihrer bourgeoisen Herkunft abzuseilen? Die grobe Statistik besagt, daß 65 Prozent aller festen „Werkkreis“-Mitglieder Arbeiter und Angestellte, 35 Prozent Akademiker sind, Angaben, die sich beim Besuch einiger Werkstätten etwa bestätigt haben.

Die Rolle der Intellektuellen im „Werkkreis“ ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Da ist etwa der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt, Mitarbeiter in der Werkstatt Hamburg, der seine bürgerliche Umgebung satt und keine Lust mehr hatte, „mich auf Partys über die Qualität des Kaviars zu unterhalten“, der nun aber auch nicht mit Trara ins proletarische Lager überwechselte, der während der Werkstattsitzungen kaum hervortritt, sondern, so erklärt er es, „Zurückhaltung aus Ratlosigkeit“ übt.

Anders der Student Klaus Eichler, Leiter des der Dortmunder Werkstatt angegliederten Lehrlingstheaters. Er liebt es, endlose Reden zu führen, sich lang und breit über die Vorzüge und Nachteile der Anschaffung eines VW-Busses zu ergehen und jedwede Frage schon wortreich zu beantworten, noch ehe man sie gestellt hat. Doch auch er ist kein Gruppenführer. Im Gegenteil machen sich die weniger redegewandten Lehrlinge dieser Theatergruppe gelegentlich lustig über des Studenten Organisations- und Redewut. Und auch wenn sie etwas länger brauchen, die Funktion und politische Absicht ihres Theaters, des einzigen Lehrlingstheaters im Ruhrgebiet, zu erläutern, sie lassen sich ihre Antworten von ihm nicht abnehmen. Eine deutlich dominierende Stellung nehmen die Akademiker freilich in der überregionalen Organisation der lokalen Werkstätten, im „Werkkreis“, ein.

Der „Werkkreis“ besteht im wesentlichen aus einem Postfach (5 Köln, Postfach 180227) und aus einem Vorstand, dem sogenannten Sprecherrat, einem zehnköpfigen Gremium mit dem Journalisten Jürgen Alberts als erstem Sprecher an der Spitze. Der auf der jährlich stattfindenden Hauptversammlung gewählte Sprecherrat hat in erster Linie die Aufgabe, Arbeitsprojekte der übers Land verstreuten Werkstätten zu koordinieren, in jedem Jahr zur Mitarbeit an einem Schwerpunktthema aufzurufen – so erging für 1974 der Aufruf, Reportagen über Streiks zu schreiben –, Zukunftspläne wie die Gründung einer Werkkreiszeitung zur Diskussion zu stellen und deren Realisierungsmöglichkeiten zu prüfen. Derlei Nachrichten, Empfehlungen und Aufrufe gelangen über das monatlich erscheinende Informationsblatt zu den Mitgliedern, das die Kommunikation zwischen den Werkstätten herstellt.