In einer Pause der Oberammergauer Passionsspiele soll eine Amerikanerin einmal gesagt haben: „I wonder how it will end, that charming play.“ Vielleicht ein böser Scherz, aber zumindest gut erfunden und treffend für eine Einstellung, die uns jetzt das grellste und gigantischste, aber auch das dümmste und peinlichste Produkt der fast schön vergessenen Jesus-Welle beschert hat: eine monumentale Farb-Breitwänd-Achtkanal – Ausstattungs- – Schrei – Tanz - Singout-Pop-Rock-Show-Imponier-Dampfwalze, die Verfilmung des Biblicals „Jesus Christ Superstar“. Ein Film, versprach der Regisseur Norman Jewison, der „so karg, einfach und bibelnah“ werden sollte wie Pasolinis „Das erste Evangelium – Matthäus“.

Mitten in der Wüste Negev hält ein Bus, junge Leute klettern heraus, laden Requisiten und ein großes Kreuz ab, kostümieren sich. Mystisches Gegrabbel in der Luft, starre Fratzen einer mechanischen Verzückung; die Musik kreischt auf, und die Bande hottet frenetisch los, nach perfektem Drill, die Show kann beginnen. Stille, Tusch, eine magische Zufahrt der Kamera aus der Froschperspektive auf eine Figur, die Arme gen Himmel erhoben, lange Haare, Bart, Rote: Da ist ER, Jesus Christ Mickey Mouse aus Plastikland, eine charismatische Pose als überdimensionales Woolworth-Sofabild.

Das bleibt so. Jewison bringt es fertig, die bombastischen Bibel- und Ausstattungsschinken Hollywoods ebenso zu übertrumpfen wie die vorangegangenen Leinwand-, Platten-, Bühnen- und Poster-Jesusse. Che Guevara im Jesus-Look und Jesus im Che-Look waren noch austauschbar gewesen; die vielen anderen messianischen Idole aus „Hair“ und „Easy Rider“, „Woodstock“ und „Zabriskie Point“, die Mao und James Dean, Dylan, Leary, Marx, Hendrix, Django, Jagger, Shiva, Manson, Elvis waren in Reproduktionen und in der Sicht ihrer Bewunderer von einem sakralen Dunst umgeben, den andere erst später wahrnahmen – als es plötzlich die Jesus People gab und nach Erklärungen und Herleitungen gefahndet wurde. Das ist nun einfacher, der Heiligenschein ist nicht mehr zu übersehen. Dieser Superstar kommt daher wie eine aufgeblasene Kunststoff-Ikone, und die ihn umgeben, sind offenbar auf einem Dauertrip in einem ekstatischpsychedelischen Garten Eden: ein später Triumph für das dritte, heilige Bewußtsein, das Charles

Reich in seinem Bekenntnisbuch „Die Welt wird jung“ („The Greening of America“) verkündet hatte.

Jewison verwurstet die Passion Christi zu einem kinematographischen Trommelfeuer: extreme Positionen und Super-Kranfahrten der Kamera, Doppelbelichtungen, Stopptricks, Zeitlupen, kilometerlange Fahrten mit der Gummilinse, effektvolle Gegenschnitte porendichter Gesichtspartien und unendlicher Landschaftstotalen, goldene Heiligenbilder, schwülstige Überblendungen auf Himmel, Wolken, Wüstensand, die Sonne, weiße Lichtbündel auf dem gesalbten Haupt. Jede neue Einstellung ist ein neuer optischer Paukenschlag, jeder musikalische Akzent ein unmotivierter, aber voluminöser Gag.

Nicht einen Augenblick läßt sich der Film auf die Geschichte oder den Text ein; statt dessen wird mit seiner pathetischen Aufdringlichkeit und johlenden Gigantomanie (der Soundtrack ist quer durch das zwanzigste Jahrhundert zusammengeklaut) jeder ernsthafte, kritische, nachdenkenswerte Ansatz sofort wieder eingestampft.

Solche Ansätze gäbe es durchaus. Der Film könnte Judas Ischariot Superstar heißen, denn er, nicht der vom Buch wie als Darsteller blasse Jesus ist die zentrale Gestalt: ein Skeptiker und Kritiker, der einzige, der Jesus an seine hohen Ziele gemahnt, ihm Seine gefährliche Vergötzung, die Verblendung und Massenhysterie seiner Anhänger vorhält, ihn vor Ehrgeiz und Wankelmut • warnt. Dieser Judas, ein Anwalt der Armen und Unterprivilegierten, plädiert für mehr Planung, Sparsamkeit und Vorsicht: ein Robespierre der Jesus-Revolution, vielleicht ein enttäuschter, an seinen Überzeugungen irre gewordenen Black-Panther-Führer. Der Neger Carl Anderson bringt das Kunststück fertig, singend einen faszinierenden, von Zweifeln und Skrupeln zerrissenen Verräter zu spielen; Aber der optischakustische Sakralkitsch des Films walzt auch diese Leistung und die originelle Deutung der Judas-Figur nieder.