Gmund/Tegernsee

So steht hier in der Natur / dieses Denkmal der Kultur – / doch es steht natürlich nur, / weil von Denken keine Spur." Mit diesem Vierzeiler hat der Bayerische Rundfunk das voraussichtliche Ende eines Vorgangs auf den Reim gebracht, der bislang durch eine Anhäufung von Ungereimtheiten gekennzeichnet ist. Es geht um den "Fall" Tegernsee, ein bayerisches Lehrstückunter dem Titel: Wozu man Gesetze macht und wie man sie anwendet – oder auch nicht.

Bei diesem "Denkmal der Kultur" handelt es sich um den Neubau des Tegernseer Gymnasiums, der nach dem Beschluß von Kabinett und Parlament ausgerechnet auf einem Gelände einbetoniert werden soll, das nach einem besonderen Beschluß der gleichen Gremien ganz eindeutig vor architektonischen Eingriffen zu bewahren ist. Das für den Schulbau vorgesehene Areal in Gmund am Tegernsee, ein vorläufig durch ein Transformatorenhäuschen nur mäßig entstelltes Hangmoor mit Birkenwäldchen, war nämlich bis vor wenigen Wochen als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Dann erteilte das zuständige Landratsamt in Miesbach eine Ausnahmegenehmigung (auf Anweisung übergeordneter Behörden?), die in flagrantem Widerspruch zum allseits begrüßten und gepriesenen Bayerischen Naturschutzgesetz steht.

Das Tegernseer Neubauprojekt bringt nun die erste Probe aufs Exempel – und aller Voraussieht nach mit einem negativen Befund. Denn siegt die Vernunft nicht über Verordnungen, wird sich der Gesetzgeber desavouieren lassen, um dem einen oder anderen Minister die Blamage einer Entscheidungs-Korrektur zu ersparen.

Das Gymnasium ist seit fünfundzwanzig Jahren mehr schlecht als recht im Tegernseer Schloß untergebracht, in Räumen, die ursprünglich Mönchszellen waren – der Kontemplation, nicht der Kommunikation dienend. Lehrer, Schüler und Eltern wehrten sich zu Recht gegen die ständige Verlängerung des Schulprovisoriums und forderten einen Neubau. Das Kultusministerium legte zunächst einmal eine Akte "Gymnasium Tegernsee" an. Mit einem Architektenwettbewerb – er liegt schon fünf Jahre zurück und brachte keine überzeugenden Ergebnisse – nahm das Projekt allmählich konkrete Formen an. Heute liegt ein Entwurf vor, der jedes Gespür für den Projekt menklang von Architektur und Landschaft vermissen läßt.

Fast gleichzeitig mit dem Naturschutzgesetz hat der bayerische Landtag auch ein Denkmalschutzgesetz verabschiedet, das die Erhaltung und sinnvolle Nutzung von Kulturdenkmälern vorschreibt. Das Kloster, jetzt: Schloß Tegernsee gehört ohne Zweifel zu den ehrwürdigen Monumenten bayerischer Geschichte und Kultur, die erhalten werden sollen. Wie es nicht nur erhalten, sondern neubelebt werden, wozu es also nach der umfangreichen und kostspieligen Renovierung verwendet werden kann – darüber liegt von amtlicher Seite kein Hinweis vor.

Traditionsbewußte Bürger, Vereinigungen, Verbände und die SPD-Opposition im Landtag haben konkrete Vorstellungen entwickelt, wie das Kulturdenkmal optimal benutzt werden könnte. Ihr Vorschlag: Die Schule bleibt im Schloß, das nach den Bedürfnissen eines funktionsfähigen Unterrichts umgebaut werden müßte – Johannes Ludwig (TU München) hat in einer Planuntersuchung des im Schloß vorhandenen Raums (und möglicher Anbaumöglichkeiten) nachgewiesen, daß dies ohne Schwierigkeiten möglich wäre. Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand: Schätzenswerte Landschaft bliebe geschützt, ein bedeutendes Denkmal wäre sinnvoll verwendet. Nebenbei wird der Umbau billiger sein als Neubau plus Renovierung.