Von Kurt Wendt

Das deutsche Bankgewerbe kommt nicht zur Ruhe. Nach der Hessischen Landesbank und der Westdeutschen Landesbank ist jetzt ein Hamburger Privatbankhaus, das Bankgeschäft Mertz & Co, ins Gerede gekommen, Hinter dem bescheidenen Ausdruck "Bankgeschäft" steckt eine in sich verflochtene Firmengruppe, die von Hans Salb, dem Alleininhaber der Bank, in knapp zwei Jahrzehnten aufgebaut worden ist. Sein geschäftlicher Aufstieg war so atemberaubend, daß vorsichtigere Bankiers ihm seit Jahren Luftknappheit voraussagten. Aber es ging immer wieder gut. Und das war schließlich sein Verhängnis. Er unterschätzte die in seinem Imperium steckenden Risiken.

Im vergangenen Herbst begann sich eine Krise abzuzeichnen. Die zum Salbschen Familienbereich gehörende Regionalfluggesellschaft General Air begann Monat für Monat rund eine Million Mark Verluste einzufliegen. Gerechnet an seinem Vermögen hätte Salb diesen Aderlaß wohl noch einige Zeit durchgehalten, doch war seine Bank nicht so flüssig, um den Geldabfluß ohne Gefahr überstehen zu können. Bei der Bankaufsicht begannen die Alarmglocken zu läuten. Und nicht nur dort. Die Kunden der Bank verzichteten – da die Misere schließlich nicht geheim blieb – stillschweigend darauf, ihre Gelder auch weiterhin der Bank, zur Verfügung zu stellen. Die Illiquidität stand drohend vor der Tür.

Um einen Skandal und Ansehensschaden vom gesamten deutschen privaten Bankgewerbe abzuwenden, kam unter Mitwirkung der Landeszentralbank Hamburg ein Bankenkonsortium zustande, das alle privaten Einleger vor Verlusten schützen soll, soweit sie nicht unter die hilfreiche Fürsorge des Feuerwehrfonds des privaten Bankgewerbes fielen, der Kundeneinlagen bis zu 10 000 Mark deckt. Ziel war es, dem Bankier Zeit für einen Verkauf seiner Vermögenswerte zu lassen. Der Erlös sollte dann zur Abdeckung der bestehenden Verpflichtungen dienen.

Dieser Plan schien aufzugehen. Doch zu Beginn dieser Woche platzten zunächst recht erfolgversprechende Verhandlungen über den En-bloc-Verkauf von Immobilien und Gesellschaftsanteilen im Werte von 100 Millionen Mark an eine potente Gruppe. Wie es danach weitergehen wird, ist völlig offen. Da Salbs Nöte inzwischen allgemein bekanntgeworden sind, befinden sich die Kaufinteressenten für seine Vermögenswerte in einer ungewöhnlich starken Stellung. Wenn doch noch alles gutgehen sollte, wird auf alle Fälle nur eine kleine, relativ unbedeutende Bank übrigbleiben, der keine große Zukunft mehr zu prophezeien ist. Ein Komet am hamburgischen Bankenhimmel erlischt.

Es hatte einmal recht bescheiden angefangen. Als Hans Salb das Bankgeschäft nach dem Tode seines Onkels übernahm, domizilierte es auf einer Etage in der Hamburger Innenstadt, von außen kaum wahrnehmbar. Mertz & Co war spezialisiert auf Vermögensberatung und Vermögensanlage. Es war hilfreich, wenn es um die Vermögensverlagerung jüdischer Kunden ging. Unauffälliges Arbeiten war Geschäftsprinzip. Das änderte sich bald, als Hans Salb, ehemals aktiver Offizier, Alleinherrscher wurde. Er erkannte früher als die meisten anderen, welche Chancen im "Abschreibungsobjekt" Wohnungsbau steckten, Die Freude, durch Wahrnehmung aller steuerlichen Möglichkeiten Gewinnsteuern zu sparen, bereitete ihm höchste Befriedigung. Sie zwang ihn aber auch, in immer neue Objekte einzusteigen, also zu einer Ausweitung der Risiken.

Sein Immobilienbesitz zählte schließlich viele Millionen. Zum Verschiebebahnhof seiner Objekte machte er die geerbten Firmen Neue Realbesitz AG und die dazu gehörende Kaufmannshaus AG. Letztere besitzt ein wertvolles Bürogebäude in der Hamburger Innenstadt. Zu den Perlen des Salbschen Besitzes gehören ferner ein Drittel des Ford-Verwaltungsgebäudes in Köln und schließlich auch weit mehr als die Hälfte des Aktienkapitals der Jacobsen AG in Kiel, ebenfalls ein Immobilienunternehmen. Dazu kommen ganze Straßenzüge in Hamburger Vororten.