Nun hat auch die Theaterprovinz ihr Antikenprojekt, ihr Dionysos-Fest. Und sie hat einen Satyr, der es ernster meint und toller treibt als jener possierliche Tiermensch, der in Berlin mit hochgerecktem Riesenschweif um drei brennende Holzhaufen hüpfte. Denn der Provinz-Satyr ist ein Moralist, hat nicht nur einen Phallus vorzuzeigen, sondern auch eine frohe Botschaft zu verkünden: Rolf Hochhuth heißt er.

Genaugenommen ist es also eine Doppelrolle, die sich Hochhuth in seinem neuen Stück „Lysistrate und die NATO“ aufgebürdet hat. Er will den Satyr spielen und will Weltprediger sein. Wie man zwischen den beiden Rollen vermitteln kann, weiß Hochhuth leider auch nicht – und so ist sein Stück ein kurioser Bastard geworden: halb Koitus-Klamotte und halb Bekenntnisdrama.

Gleich in der ersten Szene will das Stück sinnenfroh zur Sache kommen. Kaum hat sich der Vorhang gehoben, fällt Stavros, ein griechischer Kellner, über die gar nicht unwillige Kallonike, eine griechische Kellnerin, her – ein Vorgang, den Hochhuths Szenenanweisungen in größter Ausführlichkeit und mit fühlbarer Erregung beschreiben. Doch noch bevor es zum befreienden Akt kömmt, drängt sich das politische Drama vors Lust-Spiel; die beiden Kellnersleute müssen, bevor ihr Autor sie aufs Sofa läßt, erst einmal den Konflikt der Komödie exponieren: Frau Doktor Lysistrate Soulidis, Studiendirektorin und Mitglied des griechischen Parlaments, hat, wie ihre berühmte Vorfahrin aus des Aristophanes Komödie, ihre Mitbürgerinnen zur totalen Verweigerung aufgefordert. Denn die Männer wollen ein gutes, mieses Geschäft machen: ihr Land an den Staat verkaufen, der aus der Insel einen Nato-Stützpunkt machen will.

Hochhuths Text ist die Unmöglichkeit anzusehen, den Abgrund zwischen der dionysischen und der politischen Hälfte seines Dramas zu überbrücken. Entweder sind Hochhuths Sätze unterwegs zum Jambus, oder sie stürzen ab in den rüdesten Kumpelton. Dialoge oder gar Figuren können so natürlich nicht entstehen: weil Hochhuths Sätze dauernd den Geschlechtsfrohsinn oder aber die Gesinnungsgröße ihres Autors demonstrieren müssen. Alle Griechen in dieser Komödie reden wie Hochhuth; wenn das Stück geistreich sein will, bläht sich seine Sprache zu hohlen Aphorismen und Welterklärungsfloskeln (Die Bäuerin Berenike: „Ein Wort wiegt mehr als eine Münze, Nachbar. Nicht weil er kein Sparbuch, weil er keine Manieren hat: ist einer Prolet!“). Und in allen Figuren rumort es wie in Hochhuth; wenn das Stück sinnlich wird, von Sinnenfreude reden will, kommen nur Zoten heraus, wird jeder Satz ein Schlag auf die Schenkel, ein Kniff in die Hinterbacke. (Die Bäuerin Ariadne, während sie Pralinen lutscht: „Kriegt man was Gutes zugesteckt, kann man sich vorsehen, daß man davon nicht dick wird; bei Konfekt aber nicht.“) Das Politische und das Dionysische – bei Hochhuth wird daraus ein Wettlauf zwischen Schillerschen Sentenzen und Stammtischscherzen.

Nicht ein einziges Mal redet dieses Stück ernst und ernstzunehmend über Sexus; offenbar hat es Angst, will diese Angst aber nicht zugeben und flüchtet sich deshalb in pubertär lärmendes, pseudosouveränes Witzeln. Nirgendwo ist ihm Sexualität ein Gegenstand zum Denken – nur Anlaß für dionysisches Gestammel und rüde Männerwitze. Was tut der Hochhuth-Mann, wenn er seine Ehefrau auf ehebrecherischer Tat ertappt? Er setzt sie „arschnackt“ auf die heiße Bratpfanne. Was tut die Hochhuth-Frau, trifft sie ihren Mann in vergleichbarer Lage? Sie gießt kaltes Wasser über die beiden Beischläfer. So ist Hochhuths Humor.

Angeblich geht es dem Autor bei solchen Scherzen um die Wiedergeburt „antiker Körperbejahung“, um den Kampf gegen den „Mief der Körperverleugnung“. Auf welchem Niveau aber bejaht Hochhuth den Körper? Da fabuliert er in seinen Szenenanweisungen (die wie immer erhellender sind als sämtliche Dialoge) von „eindrucksvollen, meist schweren Schenkeln“, denkt darüber nach, ob „die Reiterinnen überhaupt ihre Röcke ausziehen, ehe sie auf die Trauben steigen, und im Schlüpfer stampfen“ und phantasiert von „Brüsten, fest wie Boxhandschuhe, die sich durch die Bluse durchgeschwitzt haben“. Des Spießbürgers Satyricon – und der Beweis dafür, daß es auch einen Mief der Körperbejahung gibt.

Einmal wenigstens, in seinem Nachwort zum Stück, gibt sich Hochhuth demütig und erklärt lapidar: „Was aber sollen die Frauen praktisch tun, um ihre Vorstellungen von der Welt – sofern sie eine haben – gegen die von Männern eingerichtete durchzusetzen? Da ich keine Frau bin – kann ich das nicht wissen.“ Leider weiß es Hochhuth dann aber doch und: empfiehlt den Frauen, denen er erst einmal Mangel an sozialem Interesse vorgeworfen hat, die „Konzeption eines weiblichen Weltplanes“. Dieser Weltplan sieht bestürzend einfach aus: Hochhuth rät den Frauen, zur Promiskuität, sie, sollen ihre „Körper als Waffe zur Entwaffnung des Kriegers im Manne“ einsetzen. Was, weniger hochtrabend formuliert nur heißen kann: die Männer – durch exzessiven Geschlechtsverkehr müde und friedlich zu machen. Die Männer regieren den Staat, die Frauen regieren das Bett – ich fürchte, Hochhuths „weiblicher Weltplan“ ist in Wahrheit ein sehr maskuliner Wonnetraum. Auch deshalb, weil er von der Befreiung der Frauen im Vokabular der Herrenmenschen redet: vom „Endsieg“ („des aphroditischen Gesetzes der fleischlichen Emanzipation“) dröhnt der Autor und davon, daß die Frauen die „Befehlsgewalt über den Eros“ zurückerhalten müssen.