Von Ferdinand Ranft

Den beiden deutschen Automobilklubs, dem Automobilclub von Deutschland (AvD) und dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC), ist es nicht zuletzt zuzuschreiben, daß nunmehr die Diskussion um einen Tempostop auf Autobahnen in pure Polemik ausgeartet ist. Der AvD heizt politische Emotionen, mit solch albernen Schlagworten wie "die linke Tour des Dr. Lauritzen" und "Sozialisierung der Geschwindigkeit" an, der ADAC wiegelt die Autofahrer gegen den Minister auf, der ihnen ja nur "das Leben schwermachen" und sie zu Kriechfahrern degradieren wolle.

Wie schwach müssen eigentlich die Argumente dieser Autofunktionäre sein, wenn sie ihre Kampagnen gegen den Tempostop nur noch mit einem Appell an Emotionen, Ressentiments, Vorurteile und politischen Opportunismus führen können. Vor allem die Unverfrorenheit des ADAC, der ja eigentlich als gebranntes Kind allen Grund hätte, sich in dieser Frage Zurückhaltung aufzuerlegen, ist erstaunlich.

Derselbe ADAC, der heute scheinheilig die Forderung aufstellt, man solle doch erst durch einen Großversuch wie auf den Bundesstraßen (wo seit dem 1. Oktober 1972 Tempo 100 gefahren wird) feststellen lassen, ob sich durch Geschwindigkeitsbegrenzungen auch auf Autobahnen die Sicherheit erhöht, hat eben jenen Großversuch vor zwei Jahren bis zuletzt bis aufs Messer bekämpft. Von der Hauptversammlung hinunter zu den Fachausschüssen tönte ein einstimmiger Chor der Ablehnung und Verdammung. Kein Argument war zu dumm, als daß es nicht noch für die damalige Kampagne herhalten mußte. (Siehe auch ZEIT Nr. 46/1973 "Das Ende einer Kampagne".) Als dann die ersten überzeugenden Ergebnisse vorlagen – Rückgang der Todesopfer um 13 Prozent –, verschlug es den ADAC-Leuten zunächst die Sprache. Kein Sterbenswort drang aus dem Münchner Autohaus, das doch sonst keine Gelegenheit vergehen läßt, jedem Vorgang im Verkehrsgeschehen der Bundesrepublik seinen Segen oder sein Verdammungsurteil mit auf den Weg zu geben.

Jetzt wittert man in München offenbar wieder Morgenluft. Man hängt sich an die Kampagnen der Bild-Zeitung ("CDU und FDP gegen Lau-Laus Tempo-Quatsch") und der CDU-Opposition an, denen es leider nicht um die Klärung von Sachfragen geht, sondern nur noch um einen opportunistischen Kampf gegen den nicht sehr glücklich operierenden Bundesverkehrsminister. Natürlich spekuliert man beim ADAC nicht ohne Grund darauf, daß die Bundesbürger längst vergessen haben, welchen Unsinn Deutschlands größter Automobilklub vor zwei Jahren zum Thema Tempostop verbrochen hat. Und man baut offenbar ebenso erfolgreich auf die Vergeßlichkeit der Zeitungsleser, die sich natürlich heute nicht mehr erinnern, daß ja die Zusammenhänge zwischen einem Tempostop auf Autobahnen und dem Rückgang von Unfallzahlen längst wissenschaftlich nachgewiesen und auch in der Bundesrepublik ausführlich erörtert worden sind. (Siehe ZEITmagazin Seite 34.)

Dem Bürger kann man daraus keinen, Vorwurf machen. Der ADAC muß sich freilich fragen lassen, wie er seine neuerliche Kampagne gegen die Vernunft eigentlich mit seiner Mitverantwortung für die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen in Einklang bringen will. Es gab ja Zeiten, in denen die Zeitschrift des ADAC heftig gegen die Automobilindustrie polemisierte, die nicht zuletzt durch ihre aggressive Werbung dazu beigetragen habe, daß hierzulande der Geschwindigkeitsrausch beinahe zum wichtigsten Kriterium für die Beurteilung der Möglichkeiten eines Automobils wurde. Auch das ist natürlich längst vergessen.

Dem ADAC muß man auch den Vorwurf machen, daß er die internationalen Erfahrungen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen ignoriert oder bewußt herunterspielt, obgleich alle diese Tatsachen in München wohlbekannt sind.