Folgerungen aus den Frankfurter Krawallen

Von Theo Sommer

Vor sechs Jahren, nach den Schüssen auf Rudi Dutschke und den Straßenschlachten von Ostern 1968, fragten sich viele in unserem Lande, ob am Ende Bonn nicht doch Weimar sei. Im Amoklauf der radikalen Studenten, inmitten der Dreschflegelorgie der staatlichen Gewalt, drohte die zwanzig Jahre alte Übereinkunft verlorenzugehen, bei aller Verschiedenheit der Ziele doch in der Methode der politischen Auseinandersetzung Vernunft walten zu lassen. Heute, nach den Straßenschlachten des blutigen Frankfurter Karnevals, stellen ebensoviele Bürger die besorgte Frage, ob denn in der Bundesrepublik argentinische Verhältnisse einreißen sollen. Dürfen Stadtguerilla-Kader künftig der Obrigkeit auf der Nase herumtanzen und den Rahmen jener Ordnung zerstören, in der allein Bürgerfreiheit sich verwirklichen kann.

Mittlerweile wissen wir, daß die Befürchtungen von 1968 grundlos gewesen sind. Alle haben damals in den Abgrund geblickt; alle sind sie erschrocken; alle haben gelernt. Die Reform-Impulse, die jenem plötzlichen Bewußtwerdungsprozeß entsprangen, haben der Politik unseres Landes überfällige Bewegungsantriebe vermittelt. Der größte Teil der jugendlichen Rebellen von 1968 ist inzwischen integriert. Sie haben sich, empfindlicher gegen Ungerechtigkeit und drängender, ungeduliger als die Etablierten, auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben. Für die meisten ist es ein Marsch aus dem Protest in den Pragmatismus geworden.

Drei Dinge sind freilich von damals übrig geblieben. Das ist zum ersten eine radikale neue Gleichheits-Ideologie, die in der direkten Erbfolge Dutschke-Roth-Wiezcorek weitergegeben worden ist, aber darüberhinaus auf den ganzen linken Flügel des sozialdemokratischen Establishments Einfluß gewonnen hat. Zum zweiten hat sich unter der studentischen Jugend eine Truppe strammer, disziplinierter Kommunisten festgesetzt, die Spartakus-Speerspitze der ansonsten aussichtslosen DKP. Drittens aber machen uns jene Irrsinnsfransen an dem buntgemusterten Teppich unseres politischen Lebens zu schaffen, die heute als Chaoten, Maoisten, Polit-Rocker Anarchie und Terror zu verbreiten suchen; ihre Ahnentafel beginnt ebenfalls bei Dutschke und führt über Baader-Meinhof hin zu den KPD/KSV-Provokateuren und den brutalen Schlägern von Frankfurt.

Mit diesem Erbe von 1968 müssen Staat und Gesellschaft fertigwerden – und sie können es auch. Aber sie dürfen dabei die dreierlei Stränge, in die sich die Linke aufgespalten hat, nicht blind über einen Leisten schlagen. Die verschiedenen Probleme bedürfen verschiedener Remedur.

Die orthodoxen Kommunisten der DKP, die auf Moskau und Ostberlin schwören, brauchen uns nicht den Schlaf zu rauben. Solange es in der DDR ein kommunistisches Regime gibt wie das heutige, haben seine Ableger und Anhänger diesseits von Mauer und Stacheldraht keine Chance, aus dem Getto der Unscheinbarkeit auszubrechen. Anders wäre es, wenn sie sich zu einer eigenständigen Linie aufschwingen könnten wie die Italiener, aber dazu fehlt ihnen sowohl die intellektuelle Substanz als auch das politische Format.