Sagt KP-Chef Gierek seinen Besuch in der Bundesrepublik ab?

Von Peter Bender

Warschau, im Februar

Seit mehr als einem halben Jahr arbeiten Bonn und Warschau an einem großangelegten Versuch, ihr Verhältnis in Ordnung zu bringen. Im vergangenen Juli wurde Einigkeit über die Methode erzielt: Zukunftsprojekte sollen die Vergangenheitsprobleme lösen, zumindest lösen helfen; weit gespannte Zusammenarbeit und ein Bonner Finanzkredit sollen die materiellen Voraussetzungen dafür schaffen, daß Warschau selber die polnischen Nazi-Opfer entschädigt und die umsiedlungswilligen Deutschen ausreisen läßt.

Seit Scheels Warschau-Besuch im Oktober 1973 brachte jedes Verhandlungsstadium Fortschritte. Und nachdem durch die Anerkennung wechselseitiger Rentenversicherungsansprüche ein Weg gefunden war, die polnischen Finanzerfordernisse hinreichend zu befriedigen, bestand kein Grund mehr, ein Scheitern zu befürchten. Anlaß zum Optimismus bot auch, daß sich beide Seiten mit öffentlichen Erklärungen zunehmend unter Erfolgszwang setzten. Für die Krönung des ganzen Arrangements, den Besuch von Parteichef Gierek in Bonn, hatte der polnische Außenminister Olszowski schon den April als wahrscheinlichen Termin genannt.

Geschäft statt Aussöhnung?

Seit vergangener Woche heißt es in Warschau unverblümt, Gierek werde wohl überhaupt nicht in die Bundesrepublik reisen. Polen könne sich eine so fragwürdige Vereinbarung nicht leisten, bei der die Umsiedlung von Menschen und die Wiedergutmachung mit Finanzleistungen Bonns verknüpft werden. Am besten sei es, eine Denkpause einzulegen. Andere verweisen auf das angeblich veränderte Klima in der Bundesrepublik. Dort sprächen nicht nur die Zeitungen von "Menschenhandel", dort mache sich auch ein Denken breit, das die historische Aufgabe, Deutsche und Polen in ein normales Verhältnis zu bringen, zu einem bloßen Geschäft degradiere. Ein Artikel von Ryszard Wojna in der Parteizeitung Tribuna Ludu geht in diese Richtung.