Von Marlies Menge

Wer träumte nicht davon: Durch endlose Wälder wandern, an mittelalterliche Stadttore klopfen, über leere Felder blicken, auf denen allenfalls ein einsamer Mäusebussard landet. Solch eine geruhsame Ferienlandschaft findet sich mitten im Herzen Deutschlands, in der Mark Brandenburg. Wer erst einmal die Aufregungen der Einreise in so ein Land wie die DDR überstanden hat, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Verträumte Dörfer erwarten den Touristen, leere Straßen und unberührte Ufer, wie es sie sonst kaum noch gibt. Schon die Umgebung Berlins weist alle üblichen Requisiten märkischer Landschaft auf. Weite Flächen, Hügelzüge am Horizont, immer wieder Wasser, hier ein bißchen Sumpf mit Erlen, dort Sand mit Kiefern. Und über all dem eine Stille, die uns hektische Zeitgenossen unerwartet trifft, weil wir nicht mehr gewohnt sind, mit ihr zu leben. Gerade deshalb möchte ich Ihnen diese Landschaft ans Herz legen, mehr als ihre Burgen, Schlösser und Dome.

Nur zwei von vielen möglichen Reiserouten möchte ich Ihnen genauer beschreiben. Die erste geht ins Land Beeskow-Storkow, der schönen Abgeschiedenheit wegen. Das einzige, was hier auf den Straßen daran erinnert, in welcher Zeit wir leben, sind Mitglieder der sowjetischen Armee, von der Landbevölkerung gewöhnlich die Freundschaft genannt. „Die Freundschaft hat schon wieder drei Bäume kaputtgefahren“, sagen sie und meinen eben jene sowjetischen Soldaten. Überhaupt waren die märkischen Bauern die erste Überraschung meiner Reise: sie berlinern wie Zille-Jören, und wenn man in der Dorfschänke seine Bockwurst mit Kartoffelsalat (für 1,45 Mark [Ost] ißt, kommt man schnell ins Gespräch, kann sich etwa den Unterschied zwischen einer LPG Stufe III und II erläutern lassen. „Det is der Unterschied zwischen eener Kuh und acht Kühen persönlicher Eijentum“, so brachte es ein Bauer auf den einfachsten Nenner.

Ich bin von Ostberlin aus in die Mark gefahren, habe Straßen benutzt, die aus jener Zeit stammen, als noch alle Wege nach Berlin führten. Neue waren nur nötig, wo Westberlin im Wege liegt. – In Königs Wusterhausen habe ich mir das Jagdschloß angesehen, in dem Preußens Soldatenkönig seine Kadettenzeit verbrachte. Heute sitzt dort der Rat des Kreises, Die Wendeltreppe führt zu einem Raum, in dem das königliche Wappen noch die Wand ziert, daneben hängen Plakate, die die jüngsten SED-Parteiwahlen und einen Pioniergeburtstag feiern. Ein Stockwerk höher wartet ein Eheschließungssaal auf Mutige. Von hier zog der König in den nähert Dubrower Forst zum Jagen. Der Forst ist einen Spaziergang wert, besonders hübsch liegt der Frauensee, westlich von Prieros.

Alleen von Linden und Apfelbäumen verbinden die einzelnen Dörfer, deren Namen von Vergangenem künden: Friedersdorf ist, wie auch Gosen, Neu-Zittau und Erkner, ein von Friedrich II. angelegtes Kolonistendorf. Philadelphia und Neu-Boston wurden von Bauern so benannt, die eigentlich nach Amerika wollten und nicht durften. Die Namen werden ihnen ein schwacher Trost gewesen sein.

Vom unscheinbaren Dorf Blossin am Wolziger See nahm eine Geschichte ihren Ausgang, die mit einem Streit zwischen Gutsherrn und Schäfer begann und nach Unruhen, adligem Aufstand gegen den Bischof, Plünderung und Reichsacht gegen einen der aufmüpfigen Adligen schließlich mit dessen höchst zeremonieller Selbstdemütigung (mittels Fußfall und Abbitte vor Markgraf und Bischof) endete (nachzulesen bei Fontane).

Von der Stadt Storkow (mit Rest von Burg und Mauer) können Sie wunderschöne Ausflüge in die Umgebung mit ihren vielen großen und kleinen Seen machen. Von den Wäldern dieser Gegend schwärmen erfahrene Pilzesammler, Rührige Forstfachleute haben hier ihre Versuchstrecken. Von Storkow ist es auch nicht weit zum Scharmützelsee, dem größten See der Mark. Am berühmtesten ist er bei Bad Saarow-Pieskow, wo er von noblen Villen gesäumt wird. Hier wohnten einst Max Schmeling und Käthe Dorsch, später Johannes R. Becher, der den See verewigte: „Der See: ein blaues Schauen, im grünen Hügelland. Wie eingewiegt vom Blauen. Ein Traumglück: Saarow-Strand.“ An diesem Vorfrühlingstag scheint das Traumglück allein für eine alte Dame gemacht, die am See die Schwäne füttert.