Von Kolja Kater

Amerikanische Raketentechniker setzten den dunklen und superharten Werkstoff beim Bau der Triebwerksdüsen als erste ein: Kohlenstoff in glasartiger Form. Die Techniker der Vitredent Corporation aus Los Angeles fanden vor drei Jahren ein anderes Anwendungsgebiet für das hitzefeste Material: den menschlichen Kiefer. Gasförmiger Kohlenstoff eigne sich, wie die Vitredent-Experten meinten, als eine Art Zahnwurzel-Ersatz, an dem Zähne aus Plastik oder Porzellan verankert werden könnten. Nachdem umfangreiche Testreihen an Hunden die Auffassung der Techniker bestätigt hatten, gab die kalifornische Firma den harten Kohlenstoff zur klinischen Prüfung frei.

Kieferchirurgen in Universitätskliniken und freipraktizierende Zahnmediziner haben in den vergangenen drei Jahren über 500 US-Bürgern den harten Werkstoff in die Knochenhöhlen des Kiefers implantiert, in denen zuvor natürliche Zähne verankert waren. An den Implantaten wiederum wurden die Kunstzähne befestigt, wie es beispielsweise Kieferchirurg Ralph E. Llewellyn aus Terre Haute (US-Staat Indiana) an John Pierce praktizierte. Bei einer Schlägerei waren dem damals 17jährigen John von drei Halbstarken zwei Schneidezähne ausgeschlagen worden. Doch während Chirurg Llewellyn mehr als ein Jahr nach der Kohlenstoff-Implantation sein Werk preist, „man ahne nicht einmal, daß John künstliche Schneidezähne habe“, sprechen andere Zahnmediziner „vom größten Desaster der Implantologie“.

Denn der Einsatz von Implantaten ist seit über 25 Jahren in der Zahnheilkunde üblich. Bei dem gängigsten Verfahren wird unter die Knochenhaut eine Metallform gepflanzt, an der dann die Kunstzähne befestigt werden. Zwar können die Befürworter dieser Verankerungstechnik mittlerweile auf eine 95prozentige Erfolgsquote verweisen. Wer jedoch statt des gängigen Zahlersatzes, wie etwa Brücken, Halb- oder Vollprothesen, sich die letzten Zähne an Metallimplantaten verankern lassen will, muß mindestens eine zweitägige und schwierige Operation über sich ergehen lassen, Kosten einer solchen Prozedur: etwa 8000 Mark.

Nicht einmal ein Zehntel dieser Summe würde hingegen die Zahn Verankerung mit dem Kohlenstoff-Implantat kosten, versichern die Befürworter der neuen Technik, die im übrigen die ablehnende Haltung vieler ihrer Berufskollegen auf die Mißerfolge und die oftmals schlechte handwerkliche Ausführung bei den Implantatstechniken und -versuchen mit Kunstwurzeln aus Plastikmaterial und Keramik zurückführen. Diesen Vorwurf läßt Robert Schwarz, Präsident der Health Advancement Incorporation (Mehrheitseigner des kalifornischen Implantat-Herstellers) nicht gelten. Zudem habe sich die Vitredent Corporation „sehr moralisch verhalten“, als sie die Technik und Verträglichkeit des Kohlenstoff-Implantats „zunächst an Tieren und erst dann bei Menschen“ erprobten.

Nicht zuletzt an dieser Testtechnik, wie sie etwa bei der Prüfung neuer Arzneimittel üblich ist, setzten nun die Skeptiker an. Insgesamt 150 Implantats-Patienten, die zudem nur über 18 Monate die Ersatzzahnwurzel aus dem glasförmigen Kohlenstoff getragen hätten, seien für eine repräsentative Verträglichkeits-Aussage eine zu geringe Zahl. Die Zweifler fordern mindestens fünfjährige klinische Versuche.

Doch auch die „magische Zahl fünf“ (Vitredent-Präsident Herbert Braimin) ist indes noch kein hundertprozentiger Sicherheitsindex. Dr. Norman Craimin, Direktor der Zahn- und Kieferklinik am Brookdall Hospital in New York, röntgte insgesamt 338 metallene Zahnwurzelersatzstücke sieben Jahre nach der Implantation. Ergebnis der Röntgen-Studie: Nahezu zwei Drittel der eingesetzten Metallkörper hatten den umgebenden Kieferknochen geschädigt – deutliches Zeichen dafür, daß der Körper das Implantat abzustoßen begann. Mit dem neuen Implantatsmaterial aus Kohlenstoff könnte es, so Zahnmediziner Craimin, „dieselben Probleme geben wie mit dem Wurzel-Ersatz aus Metall“.