Die Kosmetikfirma Avon muß nach einem Karlsruher Urteil ihre Preispolitik ändern

Einen Jubelschrei aus den Reihen deutscher Drogisten registrierte Jost Seytter, Syndikus der Avon Cosmetics GmbH in München-Neufahrn, einer Tochtergesellschaft der amerikanischen Avon Products Inc. Die Drogisten jubelten, weil die auf den Direktvertrieb an der Wohnungstür spezialisierte Firma Ende letzten Jahres vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe wegen bestimmter Werbeaussagen eine juristische Schlappe erlitten hatte. Die Freude über diese Niederlage des mächtigen Konkurrenten war so groß, weil aus dem Urteil sogleich herausgelesen wurde, das höchste deutsche Gericht habe den Direktverkauf überhaupt untersagt – was indes nicht zutrifft.

Durch eine mißverständliche Agenturmeldung irritiert, verbreitete ein Düsseldorfer Informationsdienst in seiner fürParfümerien und Reformhäuser bestimmten Ausgabe vorschnell die Nachricht: „Ein harter Schlag gegen dieses Vertriebsunwesen, mit dem Avon dem Fachhandel jährlich rund 240 Millionen Mark wegschnappte. Bedeutet das einen Todesstoß für Avon?“ Der Branchendienst versprach seinen Beziehern goldene Zeiten, wobei es ihm auf eine Null mehr oder weniger nicht ankam: „Für Sie bedeutet dieses oberste Gerichtsurteil: Einige -zighundert ‚Direkt‘-Millionen gehen demnächst wahrscheinlich wieder über Ihren Ladentisch.“ Es fehlte auch nicht die Aufforderung zur Hexenjagd: „Achten Sie in Ihrer Umgebung mit wachem Auge, ob irgendeine ‚Hausbesucherin‘ noch Kosmetik direkt verkauft. Wenn ja: sofort Anzeige beim Ordnungsamt.“

Doch die Drogisten mußten sich bald mit den Tatsachen abfinden: Avon wurde keineswegs der Verkauf durch Beraterinnen (in der Bundesrepublik nach Angaben der Firma zwischen 60 000 und 70 000) verboten. Der BGH hatte – wie schon die Vorinstanz – nur an der aggressiven Avon-Preispolitik Anstoß genommen. So wurde dem Kosmetikunternehmen untersagt, innerhalb der einzelnen „Kampagnen“ (pro Jahr sind es 18) in den Verkaufsbroschüren für bestimmte Artikel die Preise mit dem Zusatz „Günstig, nur...“ anzubieten: Dadurch werde nach Ansicht des Gerichts der Anschein erweckt, daß diese Produkte in einer späteren Verkaufsaktion wieder teurer werden. Die Kundinnen könnten daher verleitet werden, sich einen unangemessenen hohen Vorrat zuzulegen.

Das Gericht erblickte hierin nicht nur eine Irreführung, sondern es vertrat auch die Ansicht, daß damit der Eindruck einer unzulässigen Sonderveranstaltung erweckt werde. Der BHG gebrauchte sogar das „böse Wort“ (so Avon-Sprecher Seytter) „Preisschaukelei“. Ihr will das Gericht mit dem Urteil entgegentreten.

Der Kosmetikfirma blieb nichts anderes übrig, als ihr Preisauszeichnungssystem umzustellen: Der neue Clou sind sogenannte „rote Preise“, mit denen in der jüngsten Verkaufsbroschüre 90 von 120 Artikeln herausgehoben werden. Seytter ist überzeugt, daß man damit den Bedenken der Karlsruher voll Rechnung getragen hat.

Verärgert ist der Avon-Jurist indes darüber, daß sich der BGH nicht mit dieser Sachentscheidung begnügte, sondern auch noch „mit höchstrichterlichem Zeigefinger“ einige eher psychologische und gesellschaftspolitische Bemerkungen anfügte. Sie seien geeignet, das Vertriebssystem des Konzerns, der weltweit 680 000 nebenberufliche Vertreterinnen beschäftigt, als fragwürdig hinzustellen.