Seltsame Faszination, die New York auf deutsche Autoren immer wieder ausübt. Ulrich Bechers „New Yorker Novellen“ gehören zu den besten Stücken dieses Erzählers; man weiß, was New York einem Uwe Johnson in den „Jahrestagen“ geworden ist; man findet Zeugnisse aus New York in Max Frischs zweitem „Tagebuch“. Der Schweizer Jürg Federspiel, geboren 1931, hat über New York ein Buch unter dem Titel „Museum des Hasses“ veröffentlicht, ein Tagebuch, gemischt aus Beobachtungen und Fiktion – mit Beobachtungen allein war dem chimärischen Koloß nicht beizukommen. Federspiel erfand eine Figur, Paratuga, die, selber chimärenhaft, Angst, Bedrohung, latente Katastrophen in sich aufnimmt und gleichzeitig verkörpert, eine kaum faßbare, schwer beschreibbare Kunstfigur, die dem Ich des Autors zur Seite und gleichzeitig entgegensteht, ein Schatten, ein Freund und gleichzeitig ein tod- und untergangsgesättigtes Phantom.

Nun kehrt dieser Paratuga zurück, in einem Band Erzählungen, der den Titel trägt –

Jörg Federspiel: „Paratuga kehrt zurück“, Erzählungen; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1973; 148 S., 14,80 DM.

Paratuga, losgelöst von New York, wird omnipräsent. Das Phantom Paratuga ist dabei nicht eindeutiger geworden. Suchen wir zusammen, was Federspiel über ihn zu sagen weiß: er sei ein „Halbfreund“: „Er war hinterhältig gegen sich selber, wenn man das verstehen kann. Er hatte Plattfüße, litt an Fußpilz und besaß die Fähigkeit, allen anderen durch seine bloße Anwesenheit die Fröhlichkeit und Daseinslust zu vermiesen.“ Paratuga hat „nur für Katastrophen Sinn“, ist „ein feinfühliger und nicht ungefährlicher Mensch“. Er taucht aus dem Nichts auf und zerfällt zu nichts, wörtlich und wie eine Figur aus dem Horror-Film; er kann als Frau auftreten, als Detektiv, als Filmmacher oder als sein eigener Sohn. Paratuga ist offenbar so etwas wie eine Projektion, die Verkörperung eines unbewußten alter ego.

Paratuga, soviel ist klar, ist ein Rätsel, für das es keine Auflösung gibt, auch für den Autor Jürg Federspiel nicht; an solche Rätsel aber sind wir nicht gewöhnt. Wir sind als Leser darin geübt, einen Text so lange zu befragen, bis wir ihn „begriffen“ haben, deshalb widersteht uns eine Prosa, bei der das Begreifen schnell an eine Grenze kommt. Gerade die Erfahrung dieser Unübersteigbarkeit aber ist es, was Federspiel in seinem Paratuga anbietet.

Das klingt irrational und wird nicht einfacher, wenn man weiß, daß Federspiel kürzlich eine brillante und scharfe Analyse Richard Nixons veröffentlicht hat. Der Ich-Erzähler lernt in New York durch Paratugas Vermittlung „Hitlers Tochter“ Emily kennen, Tochter jüdischer Emigranten der Nazizeit, Hitler ist ihr Erzeuger, weil er ihre Eltern „zusammengebracht“ hat. Der Ich-Erzähler trifft Paratuga im Tessin, der „Halbfremd“ hat gerade ein Wachsfigurenkabinett mit lauter „indirekten“ (nicht berühmten) Menschen eingerichtet, es sind des Erzählers Verwandtschaft und Ahnen, ein privates Gruselkabinett à la Tussaud, das der Erzähler am Schluß zertrümmert.

Beim Nacherzählen wird klar, daß man hier nichts nacherzählen kann, ohne die Essenz zu verfehlen. Das Klima des alltäglichen Schreckens, der Bedrohung, der Katastrophen, zwischen denen sich Federspiels Figuren traumwandlerisch bewegen, ist nicht durch „Handlung“ dingfest zu machen.