Zwischen Marokko und Spanien ist ein erbitterter Konkurrenzkampf ausgebrochen

Abend für Abend werden Millionen französischer Fernsehzuschauer Zeugen eines erbitterten Apfelsinenkrieges zwischen Spanien und seiner ehemaligen Kolonie Marokko. Beide Seiten versichern den Franzosen um die Wette, ihre Apfelsinen seien die natürlichsten, frischesten, gesündesten und reifsten – zur Freude der Hausfrauen, die hauptsächlich daran interessiert sind, daß der erbitterte Konkurrenzkampf sie auch zu den billigsten macht.

Für Marokko sind Zitrusprodukte nach Phosphaten das zweitwichtigste Exportprodukt. Im letzten Jahr glaubte das staatliche Exportbüro in Rabat, ohne die Märkte der Europäischen Gemeinschaft auskommen zu können, erlebte aber mit dieser Strategie eine große Pleite. Deshalb wurden in diesem Winter keine Mühen und keine Kosten gescheut, um verlorene Märkte und Devisen wiederzugewinnen. Für Marokkaner und Spanier besonders wichtig und von beiden deshalb auch besonders umworben ist der französische Markt.

Den Spaniern bereitet diese marokkanische Orangenoffensive große Sorgen. Die exportierten Mengen sind bereits um fast 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Wachsende Konkurrenz, die Streiks in Großbritannien und erste Anzeichen einer Wirtschaftsrezession in ganz Europa haben dazu geführt, daß Nachfrage und Preise nach unten tendieren. Im letzten Jahr betrug der Verbrauch von „Spania“-Apfelsinen in der Bundesrepublik rund zehn Kilo pro Kopf. Ein Rückgang des Konsums um nur ein Kilo pro Person bedeutet für Spanien einen Exportrückgang um 60 000 Tonnen.

Die Lage der Apfelsinenbauern ist deshalb alles andere als rosig. Die Bäume hängen voller Früchte, die schon längst hätten eingeholt werden müssen. Auf der Erde verfaulen die nicht aufgelesenen Orangen. Die Obstbauern klagen: „Keiner will unsere Apfelsinen kaufen; und obwohl wir jedem, der Früchte von den Bäumen pflückt, seine Ernte schenken, verfaulen Millionen Apfelsinen.“ Orangen zum Null-Tarif für Selbstpflücker zeigen das Ausmaß der Krise.

Exporteure, Fruchtsafthersteller und Orangenbauern geben dem Staat die Hauptschuld an dieser Misere. Und in der Tat hat das Landwirtschaftsministerium ein System von Preisgarantien nur für bestimmte Apfelsinensorten und nur für begrenzte Mengen entwickelt, das niemand zufriedenstellt. Die Betroffenen verlangen deshalb eine „Zitruspolitik“ mit garantierten Preisen für die Apfelsinen, die nicht exportiert werden.

Dies würde nach ihrer Ansicht sicherstellen, daß nur die besten Qualitäten exportiert werden, da nur diese Preise erzielen könnten, die über dem garantierten liegen. Damit wären die Orangenpflanzer den Weizen- und Weinbauern gleichgestellt. Der staatlich aufgekaufte Überschuß könnte verbilligt an die Fruchtsaftindustrie abgegeben werden.

Langfristig kann aber nur ein Strukturprogramm helfen, das weg von den Kleinproduzenten und hin zu großen Orangenplantagen führt. Viel zu viele Bauern verdienen mit der Apfelsine gerade genug, um sich über Wasser zu halten. Die Verbitterung wächst: „Wir produzieren seit Generationen Orangen. Früher wurde uns immer wieder beteuert, wie wichtig wir seien, weil wir Spanien zu den benötigten Devisen verhelfen. Heute, wo es uns schlecht geht, denkt niemand an uns.“ Carsten R. Moser