Womit locken? Die Akzente der Fremdenwerbung verschieben sich, was gestern keine Anziehungskraft hatte, heute hat es sie, auch im Elsaß. Immer noch wirbt man in „Mittelostfrankreich“, wie man diesen formenreichen Landstrich zusammenfassend nennt, mit den schönen trockenen Weinen, mit Muskateller, Gewürztraminer und sogenanntem Tokayer, mit Gänseleberpastete, Wachtel und mandelgarnierter Forelle, mit Zwiebelkuchen und Sauerkraut (choucroute, mit Riesling bereitet), mit Schnecken, Pökelfleisch und Hähnchen in Wein und natürlich auch mit Munster-Käse. Man lockt mit attraktiven oder luxuriösen Unterkünften, die Aussicht auf historisch bedeutende und malerische Bergruinen sozusagen „inklusive“.

Aber auch hier: Die Lebensgewohnheiten ändern sich, man entdeckt, durch Schäden an Magen, Nieren, Herz, Leber und Portemonnaie angeregt, die Wohltaten des einfachen, zurückhaltenden Lebens. Man zieht im Urlaub zu den Bauern. Ein bißchen spielt bei manchen die Nostalgie mit, die „wehmütige, modisch hochstilisierte Erinnerung an unwiederbringliche Jahre“.

Fermes-auberges heißen die Bauernhöfe, die Gäste aufnehmen, es sind Stätten des buen retiro, weit weg von Großstadtbetrieb und aufwendigem und eitlem Repräsentieren. Im Gebiet links des Oberrheins und in den Vogesen zum Beispiel sind es 52. In diesen fermes-auberges bekommt man kalten Imbiß zum Preis von nur zwei bis fünf Francs. Für warme Bauernkost bezahlt man zehn bis sechzehn Francs, es gibt Suppe, Pastete, Roigabraggelti, geräucherten Speck, Speck- oder Pilzomelett, Wurst, Fleisch, Käse. Man sieht also: auch nicht unbedingt zum Abnehmen.

Ein Drittel der Bauernhöfe bietet Nachtquartiere an, zu ungewöhnlich niedrigen Preisen. In kleinen Gemeinschaftsräumen kostet ein Nachtlager zwischen zwei und fünf Francs. Wo Gästezimmer, mit Vollpension angeboten werden, zahlt man 25 bis 30 Francs pro Tag. Über die Hälfte der genannten fermes-auberges, nämlich 29, liegt im schönen Munster-Tal, eine Viertelstunde Autofahrt von Colmar entfernt (dessen Museum Unterlinden nicht nur mit Grünewald und Schongauer, sondern auch mit moderner Kunst, Vasarély einschließlich, lockt).

Doch es gibt auch andere ländliche, nicht nur bäuerliche Quartiere, einfach gîtes ruraux, in Frankreich insgesamt 12 500, davon nicht wenige im Elsaß. Sie sind preiswert, kleine Häuschen, manche im Schweizer Stil, oder isolierte und vollständig möblierte Apartments, besonders für Familien geeignet. Im oberrheinischen Gebiet werden mehr als zwei Dutzend Orte angegeben. Hier nur ein Beispiel: In Muhlbach-sur-Munster (drei Kilometer von Munster entfernt) kostet eine Unterkunft mit zwei Zimmern und vier Betten im Juli und August 200 Francs je Woche, in der übrigen Jahreszeit nur 150 Francs.

Man sieht: Überall, in Frankreich wie in der Bundesrepublik, eine Tendenz zum einfachen Leben, eine Rückkehr, nostalgisch gefördert, ein „Fasten“ nach dem Überfluß oder schlicht eine Neuentdeckung, gleichviel: ökonomisch und unschädlich auf jeden Fall. R. D.