Von Michael Jungblut

Es war einmal ein Wirtschaftsminister, der wollte Gewerkschaftsfunktionäre das Gruseln lehren. Deshalb berichtete er Delegierten der IG Metall von schlimmen Zuständen in anderen Ländern: „Denken Sie an England. Dort gibt es Preissteigerungen von vier und fünf Prozent. Was nützt da eine Lohnerhöhung um acht Prozent?“ Das war Karl Schiller im September 1968.

Und vor Vertretern der Wirtschaft dozierte der Professor mit erhobenem Zeigefinger: „Eine mittelfristige Preissteigerungsrate für mehrere Jahre von zwei bis 2,5 Prozent ist für uns zu hoch.“ Das war 1970.

Im Laufe des vergangenen Jahres sind in der Bundesrepublik die Preise um 7,2 Prozent gestiegen, und die Aussichten sind schlechter als je zuvor. Steigende Energiepreise bedeuten Öl ins Feuer der Inflation, und Kanzler Willy Brandt warnte vergebens davor, daß zweistellige Tarifabschlüsse zweistellige Preissteigerungsraten nach sich ziehen könnten. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes und die IG Metall bestanden dennoch auf deutlich über zehn Prozent liegenden Lohnerhöhungen für ihre Mitglieder. Für alle übrigen Wirtschaftsbereiche wurden damit die Signale gesetzt.

„Wir haben an der Lohnfront eine Schlacht verloren“, klagt Bundesbankpräsident Karl Klasen. Die damit für die Stabilität der Mark heraufbeschworene Gefahr vor Augen, warnte der oberste Währungshüter: „Mit der Inflation leben, bedeutet für unser Wirtschaftssystem, mit der Inflation unterzugehen. Eine Inflation würde gerade für minderbemittelte Bevölkerungskreise so viele Ungerechtigkeiten mit sich bringen, daß dadurch unser Gesellschaftssystem kaputtginge ... Zweistellige Inflationsraten bedeuten für mich die allerhöchste Alarmstufe. Deshalb müssen wir mit allen Mitteln verhindern, daß sie überhaupt erreicht werden.

Wie diese Mittel beschaffen sein sollen, weiß allerdings in Bonn niemand so recht. Immerhin wurde der Kampf gegen die Inflation bereits im vergangenen Jahr mit „dem schärfsten Stabilitätsprogramm geführt, das seit Bestehen der Bundesrepublik beschlossen wurde“ (Bundesfinanzminister Helmut Schmidt). Das Ergebnis waren die höchsten Inflationsraten seit Bestehen der Bundesrepublik.

In der Sorge, Bremspolitik und Energiekrise könnten die deutsche Wirtschaft mit vereinten Kräften in ein tiefes Konjunkturtal hinabstoßen, wurden die meisten Maßnahmen des Stabilitätsprogramms inzwischen wieder aufgehoben. Und über die Frage, ob angesichts der Gefahr, daß die Inflation in diesem Jahr erneut an Tempo zunimmt, die Bremsen wieder schärfer angezogen werden sollten, bahnt sich innerhalb der Bundesregierung zwischen Wirtschaftsminister Friderichs und Finanzminister Schmidt ein ernsthafter Konflikt an (siehe Seite 28).