Von Jürgen Werner

Pelé in Brasilien, Schnellinger in Italien, Müller in München – alle reden von der Fußballweltmeisterschaft 1974, die vom 13. Juni bis 7. Juli in der Bundesrepublik stattfindet. Wir auch. Dazu spekulieren etwa 800 Millionen Menschen – so viele werden nach Schätzungen der Experten direkt oder mit Hilfe der Massenmedien dieses nach olympischen Spielen spektakulärste sportliche Ereignis der Welt verfolgen – heute schon, wer wohl Weltmeister werden wird. Pelé nannte gegenüber der ZEIT seine vier Favoriten: Brasilien, Deutschland, Uruguay und Italien, schränkte aber ein, nicht immer der Beste gewinne den Titel. Sein Trauma bleibt das WM-Turnier in England 1966 mit dem Spiel Brasilien gegen Portugal, über das engliche Massenblätter mit der Schlagzeile berichteten „Pelés Hinrichtung“ – der Fußball in seinen letzten Zügen, so schien es damals.

Doch zeigte sich, nur Opas Fußball war tot, der noch unter dem Motto stand: stoppen, schauen, spielen – in dieser Reihenfolge. Das Fußball-Abc aber betont heute bereits den Buchstaben T: Technik, Tempo, Taktik – gleichberechtigt und voneinander abhängige Größen, um im internationalen Vergleich erfolgreich bestehen zu können. Die beiden deutschen Flügelstürmer Grabowski, Rechtsaußen gegen Spanien (0 : 1) und Heynckes, Linksaußen gegen Italien (0:0) bilden Musterbeispiele für diese Erkenntnis. Der eine spielte technisch brillant, aber zu langsam und blieb gegen die mit großem Einsatz und unerbittlicher Härte spielenden Spanier erfolglos. Der andere lief zwar schnell, unterlag aber gegen seinen italienischen Antipoden immer wieder, weil seine technische Beherrschung des Balles – kurzes Führen am Fuß, sicheres Stoppen und Weiterleiten – zuviel Raum und Zeit beanspruchte. Das gleiche galt für Hoeness, der, von rückwärts kommend, rennen und rackern mußte, um auf einen Gegner Wirkung zu erzielen. Rechtsaußen also kein Posten für diesen Bayern-Crack.

Schnellingers sachlicher Kommentar, es sei ein technisch schönes Spiel gewesen, Italien und Deutschland seien beide auch nach diesem Spiel Titelanwärter, weil man Erfahrung nicht unterschätzen dürfte, relativierte in vernünftiger Weise Spielablauf und Ergebnis. Denn die auf Erfolg programmierte Erwartungshaltung der deutschen Fußballfans – immerhin erwarten laut Umfrage etwa 60 Prozent der Bevölkerung die Bundesrepublik als Fußballweltmeister – wird auch zur Erfolgsneurose für die Protagonisten. So wahr es ist, daß die Testspiele Bewährungsproben sein sollen, ihr prognostischer Wert ist umstritten. Den Ernstfall kann man nicht proben, zumal Helmut Schön, der Bundestrainer, wieder einmal zwischen der Skylla der öffentlichen Meinung und der Charybdis des Mißerfolges lavieren muß – oder auch nicht.

Helmut Schön hat in Wahrheit den Rubikon längst überschritten, die Würfel hinsichtlich der Mannschaft, die den Erfolg garantieren soll, sind längst gefallen. Weder die noch bevorstehenden Länderspiele gegen Schottland (27. 3. in Frankfurt), Ungarn (20. 4. in Dortmund) und Schweden (1. 5. in Hamburg) noch die Bundesligaergebnisse der auslaufenden Saison werden das feststehende Konzept verändern. So hat die Metapher, daß die Tür zur Nationalmannschaft nach beiden Seiten – draußen und drinnen – offen sei, nur deklamatorischen Wert für Unbelehrbare. Denn mit Recht würde man Helmut Schön tadeln, bestünde seine Planung aus Ad-hoc-Entscheidungen. Dann wäre jedes Länderspiel für den einzelnen Spieler tatsächlich ein Roulett, das – wie Günter Netzer es vor dem Spiel in Rom dramatisch überhöht formulierte – um alles oder nichts gehe.

Es war schon weit nach Mitternacht – die Auslosung zur Gruppeneinteilung für die Fußballweltmeisterschaft lag erst einige Stunden zurück –, als in kleinem Kreis mit Herberger, Fritz Walter, Helmut Schön und seinen Assistenten eine Tour d’horizon gewagt und dabei gewogen wurde. Die Crème des deutschen Fußballs passierte gedanklich Revue – so viele Männer, so viele Meinungen. Der gemeinsame Nenner, die Taktik für die Fußballweltmeisterschaft, war schnell gefunden. Die Prämisse des Erfolges, Deckung und Defensive, waren unumstritten. Vogts, Breitner, Weber, Schwarzenbeck und Höttges waren die Synonyme für diesen Bereich. Sie werden also tacklen und toben, bis zur Selbstaufgabe hinten alles erledigen. Dazu gehört ein Torwart der konzentriert und ständig mitspielt – keiner macht’s wie Maier, wenn er es wissen, will. Was wiederum Helmut Schön weiß.

Das Spiel gegen Italien bewies die Richtigkeit dieser Thesen. Vor allem aber der Vizeweltmeister von 1970 in Mexiko, seit 11 Spielen ohne Gegentor, demonstrierte, bis zu welcher Perfektion Abwehr und Verteidigung des eigenen Tores entwickelt werden können. Das Prädikat Weltklasse bedeutet hierbei konsequente, auf Tuchfühlung mit dem Gegenspieler agierende Verteidiger, die nicht nur schnell – Sabadini, Hoeness’ Kontrahent in Rom, kann die 100 Meter unter 11 Sekunden laufen –, sondern auch, wie etwa Mannschaftskapitän Facchetti, aggressiv und technisch perfekt auf Offensive umschalten können. Dazu gehört wie selbstverständlich das sichere Kopfballspiel – Merkmal der Sonderklasse. Auch die Brasilianer werden ihr Spiel defensiv anlegen. Indiz dafür ist die Nominierung von nur einem echten Außenstürmer in ihrer Auswahl.