Wie schwer sind die Sozialdemokraten geschlagen?

Von Rolf Zundel

Das Wahlergebnis von Hamburg ist für die Sozialdemokraten ein Schock. Die Stadt galt bisher als der Inbegriff politischer Stabilität: ein rocher de bronce inmitten wechselnder politischer Tendenzen. Seit 1957 schien die Vorherrschaft der SPD unerschütterlich, eine Art Naturgesetz; und eherne Regel schien ebenso, daß die CDU-Opposition die protestierende Begleitkompanie des sozialdemokratischen Regiments stellte, immer zur Stelle, aber ohne Belang.

Seit Sonntag stimmt dieses Bild nicht mehr. Die SPD rutschte um über 10 Prozentpunkte ab, weit unter die absolute Mehrheit und ist nun auf die Hilfe der Freien Demokraten angewiesen, um weiterregieren zu können. Die Christlichen Demokraten dagegen machten einen gewaltigen Sprung nach vorn und liegen nur noch knapp hinter der SPD. Wenn das in Hamburg passieren kann, so fragen sich Sozialdemokraten beklommen und Christliche Demokraten hoffnungsfroh, was kann dann in Niedersachsen geschehen, in Hessen und anderswo? Ist diese Wahl das Signal für jene "Tendenzwende", von der manche Demoskopen sprechen?

Es gibt kaum einen Zweifel daran, daß die Hamburger Sozialdemokraten ein Opfer der politischen Großwetterlage geworden sind. Seit vielen Monaten schon ist die Unzufriedenheit mit der Bonner Koalition im allgemeinen und mit der SPD im besonderen stetig gewachsen. Aber die Hamburger SPD hat den Bundes-Trend eher noch verstärkt. Kein Landesvater vom Schlage Brauers oder Weichmanns regiert dort, sondern ein Bürgermeister Schulz, der das Klischee eines farblosen Musterschülers nicht loszuwerden vermochte. Und wenn auch die Hamburger Sozialdemokraten, im Gegensatz zu den Genossen in München, Frankfurt oder Bremen, kaum in Verdacht gerieten, linkssozialistische Extravaganzen zu dulden, so traf sie dafür der schlimme Vorwurf, sie bildeten ein rotes Machtkartell, politisches Mandat und berufliche Position seien zu eng verflochten. Man gönnte ihnen einen Denkzettel.

Alles kam also zusammen: Verdruß über die Bonner Koalition, über die SPD im Bund und über die Genossen in Hamburg. Und diesem Verdruß mit dem Mittel des Stimmzettels Ausdruck zu geben, fiel um so leichter, als dies in Hamburg ja relativ gefahrlos schien. Was konnte denn schon passieren? Mit Hilfe der Freien Demokraten würde die Hamburger SPD auf jeden Fall weiterregieren können. So gab es eine ganze Skala der Distanzierung: Wahlenthaltung, Ausweichen zur FDP und Überschwenken zur CDU.

Dabei spielten die Freien Demokraten in Hamburg eine seltsame Rolle. Bei den Landtagswahlen zur letzten Legislaturperiode war die FDP eine relativ gut funktionierende Auffangstation für unzufriedene Wähler der sozial-liberalen Koalition. In Hamburg hat die FDP diese Funktion nur noch zu einem Teil erfüllt; unter anderem wohl auch deshalb, weil sie ihre alte Führungsmannschaft abgelöst und ihren politischen Standort eher links von der etablierten hanseatischen SPD bezogen hatte. Viele Protestwähler wechselten daher ohne Zwischenhalt bei der FDP gleich zur CDU über. Und manche, die bei der FDP Halt machten, taten dies aus Unkenntnis: Sie verwechselten die Hamburger mit der Bonner Partei.