Endlich hat Jean Yanne, Quatschmacher Nummer eins unter Frankreichs Filmregisseuren, jemanden gefunden, der ihn ernst nimmt: Chinas Botschafter in Paris. Nachdem offizielle Stellen schon gegen die China-Reportage des Italieners Michelangelo Antonioni protestiert hatten, wurde nun der Vertreter Pekings an der Seine im französischen Außenministerium vorstellig, um energisch gegen Yannes jüngsten Film "Die Chinesen in Paris" Einspruch zu erheben.

An drei Dingen nahm Maos Diplomat Anstoß: Der Film ziehe eine bösartige Parallele zwischen dem sozialistischen China und dem faschistischen Deutschland; er verleumde die chinesische Volksarmee; er verspotte das "moderne Theater", dessen Werke die Frucht der Kulturrevolution seien; Ein Sprecher der chinesischen Botschaft: "Die Tatsache, daß die Regierung diesen Film freigegeben hat, ist nicht mit den Wünschen des chinesischen Volkes zu vereinbaren."

Wenn die Chinesen. Yannes Film sehen könnten, würden sie zunächst eine Besatzungstruppe erleben, die ausgesprochen friedlich und sympathisch erscheint: Eines schönen Tages marschieren die Chinesen einfach in Paris ein – ohne Panzer und Kanonen, ohne Schießerei und Gewalttätigkeit. Die Pariser arrangieren sich sehr schnell mit den neuen Herren, erleichtern ihnen durch eifrige Denunziation das Geschäft und laufen bald mit Maos rotem Büchlein und in Einheitsuniform herum.

Yanne zeigt die Chinesen und meint die Deutschen. Die gelbe Invasion ist das Vehikel, um das Verhalten mancher Franzosen während der deutschen Besatzung nach 1940 zu beschreiben. Kritisiert werden also die Franzosen, nicht die Besatzer. Doch die Chinesen verstehen solche Späße und Anspielungen offensichtlich nicht. Für sie ist es eine Beleidigung, mit Nazideutschland auf eine Ebene gestellt zu werden.

Beleidigt fühlt sich auch Maos Armee. Yanne läßt die ewig lächelnden Soldaten nämlich bald der französischen Lebensphilosophie des bouffer, boire, baiser (also essen, trinken und bumsen) huldigen. Natürlich geht das ins Auge. Die gutmütigen Chinesen machen sich bald bei Nutten und Transvestiten breit, schwenken statt Maos rotem Büchlein den Guide Michelin und wollen von ihrer marxistisch-leninistischen Mission nicht mehr viel wissen. Im Grunde wirkt dies alles jedoch fast liebenswürdig; denn trotz sündhaft imperialistischem Lebenswandel werden die Besatzer nie ausfällig.

Was Peking als Verspottung seiner Kultur empfindet, ist einer der besten Einfälle Jean Yannes. Er verwandelt Bizets Carmen in eine revolutionäre Schauergeschichte, versieht sie mit dem Titel "Carmeng" und läßt sie in der Opera im Stile des "Roten Frauenbataillons" tanzen. Das Ganze ist eine harmlose, streckenweise lustige Parodie, die jedoch Liebe, Eifersucht und Mord nicht in den Dienst der sozialistischen Sache stellt. Grund genug für die Chinesen, die Parodie als Verleumdung zu empfinden.

Natürlich konnten die Chinesen die Freigabe des Films nicht verhindern, was ihnen am liebsten gewesen wäre. Vielmehr sorgten sie mit ihrer diplomatischen Intervention für zusätzliche Publizität. Eine gute Million Pariser dürften sich Yannes dritten Spielfilm in den nächsten Wochen ansehen. Damit verspricht nach Louis Malles "Lacombe Lucien" in diesem Jahr bereits der zweite Film über die Besatzungszeit zum Kassenschlager zu werden. Die meisten Pariser stehen aber Schlange, um über Yannes Gags und Kalauer zu lachen, nicht, um über Okkupation und Widerstand nachzudenken.

Klaus-Peter Schmid,