Von Ludwig Auerbach

Die DDR-Forschung verdankt ihr Entstehen der Teilung Deutschlands, also einem Politikum. Sie hat es mit einem Forschungsgegenstand zu tun, der politisch gewertet werden muß. Dies war bei der Erforschung der DDR-Wirklichkeit ebenso spürbar wie bei der Zurückweisung des Anspruchs der Ostberliner Führung, ein überlegeneres Wirtschafts- und Gesellschaftssystem etabliert zu haben. Untersuchungen, inwieweit die in der DDR vollzogenen Veränderungen eine Wiedervereinigung erlauben, schlossen sich folgerichtig an. Eine auf allen Forschungssektoren kontinuierliche, vor allem aber systematische Untersuchung der DDR schien zunächst angesichts ihrer vermuteten kurzlebigen Existenz nicht nötig zu sein.

Aber schon gegen Ende der fünfziger Jahre begann sich in der DDR-Forschung zunehmend die Erkenntnis durchzusetzen, daß die DDR entgegen ursprünglichen Annahmen lebensfähig sei. Das hatte drei Konsequenzen, deren man sich jedoch erst nach und nach bewußt wurde.

1. Die bisherigen Motive der DDR-Forschung reichten so wenig aus wie die Wertung der DDR-Wirklichkeit an westlichen Maßstäben. Es wurde immer dringlicher, zunächst einmal nach der Bedeutung der untersuchten Tatbestände innerhalb der Ordnung der DDR zu fragen, sie an Hand der dort gesetzten zentralen Maßstäbe und Zielprojektionen zu bewerten. Dann erst war ein Urteil zu fällen, das von westlichen Wertpositionen ausgeht.

2. Wirtschafts-, rechts- und erziehungswissenschaftliche Untersuchungen der DDR waren allein nicht mehr ausreichend. Sozialwissenschaftliche Ansätze mußten hinzukommen, wollte man der Komplexität des Forschungsgegenstandes gerecht werden.

3. Die Tatsache, daß die DDR existiert und sich nach menschlichem Ermessen in überschaubarer Zeit nicht auflösen wird, verlangte, daß DDR-Forschung kontinuierlich und systematisch betrieben werden mußte. Beobachtung und Analyse der DDR durften nicht mehr dem Zufall – etwa der Aufgeschlossenheit dieser oder jener Bundesbehörde oder dem persönlich motivierten Interesse einzelner Forscher – überlassen werden.

Dies waren für die DDR-Forschung langwierige, komplizierte und fraglos auch schmerzvolle Erkenntnisprozesse. Teils wurden sie durch den Mauerbau im August 1961 beschleunigt, teils überhaupt erst in Gang gesetzt. Dieses Umdenken, das Veränderungen der politischen Landschaft konstruktiv aufnimmt, wird man keinesfalls als Krise der DDR-Forschung bezeichnen können.