Bremen

Am 13. März beginnt in Bremen ein Stück Zukunft: Der kleinste Sender der Bundesrepublik startet den Modellversuch „Kabelfernsehen“. Die Initative kommt vom Radio-Bremen-Intendanten Klaus Bölling. Er brachte die Anregung aus Amerika mit an die Weser. 44 000 Bremern aus dem Neubaugebiet „Neue Vahr“ wird aus einem eigens dafür errichteten gläsernen Studio für zunächst täglich fünfzehn Minuten ein vorwiegend „stadtteilbezogenes“ Programm ins Haus geschickt.

Die Ankündigung des Versuchs, der nach Böllings Meinung möglicherweise präjudizierende Wirkung auf die medienpolitische Diskussion in der Bundesrepublik haben wird, hat sogleich die Zeitungsverleger auf den Plan gerufen. Sie halten das Projekt für „verlegerfeindlich“.

Vor eineinhalb Jahren begann die „Neue Heimat“ mit der Verkabelung ihrer Wohngebiete im Bremer Osten. Statt Einzelantennen gibt es eine Gemeinschaftsantenne auf dem höchsten Hochhaus der Vahr. Jeder an das Kabelnetz angeschlossene Haushalt – 17 000 sind es bisher – zahlt monatlich 2,70 Mark und kann dafür drei zusätzliche Programme einwandfrei empfangen: außer ARD, ZDF und der Nordkette des Dritten Programms noch WDR II und III und das Erste DDR-Programm. Freie Kapazität ist noch vorhanden, sie wird jetzt von Radio Bremen für den Versuch genutzt.

Noch ist beinahe alles im Stadium der Improvisation, aber Intendant Bölling beruhigte Aufgeregte und Zweifler und formulierte präzise, was das Experiment auf jeden Fall nicht werden soll: kein Transmissionsriemen für Parteien, kein Vehikel für Interessenverbände, kein elektronisches Dienstleistungsgewerbe und keine Konkurrenz für die Tageszeitungen. Chefredakteur Engelmann (Bremer Nachrichten) sieht das Konkurrenzproblem anders. Stadtteilfernsehen, meinte er, bedeute Einbruch des Fernsehens „in eine unserer letzten Domänen“, die lokale Berichterstattung. Die Versuchsphase von zehn Wochen kostet Radio Bremen 100 000 Mark, das „Fenster zum Nachbarn“, (so lautet der Titel der Reihe) soll frei von Werbung bleiben.

Die in Bremen mit absoluter Mehrheit regierende SPD erklärte durch ihren medienpolitischen Sprecher Brückner: „Wir begrüßen den Versuch lebhaft als beste Möglichkeit, politische Probleme bevölkerungsnah an den Mann zu bringen.“ Auch die Bremer CDU stellt sich positiv zum Thema „Kabelfernsehen“. Sie kritisiert jedoch den nach ihrer Meinung „überhastet und unzureichend vorbereiteten Beginn in Bremen.“ Vor der Gefahr möglicher Manipulationsversuche durch Gruppen, Parteien und Interessenverbände verschließt Klaus Bölling die Augen nicht. „Wir sind keine blauäugigen Parsivalnaturen, die so etwas nicht erkennen.“ Er verspricht aber Aufmerksamkeit: „Der Versuch wird in der Verantwortung einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt gemacht. Ausgewogenheit ist damit garantiert.“ Lilo Weinsheimer