Wir fordern", verkündete die Zeitschrift Brigitte ihren Leserinnen, "einen neuen Beruf: Tagesmutter." Das war vor gut einem Jahr. In Kürze nun soll es diesen neuen Beruf geben, im Modellversuch zunächst: Frauen, die tagsüber in der Wohnung neben eigenen Sprößlingen fremde Kinder versorgen; sie werden nicht nur selbstverdientes Geld zum Familienetat beisteuern können, sondern auch eigene Ansprüche in der Kranken-, Invaliden- und Rentenversicherung erwerben.

Das hört sich gut an, und Politiker aller Ebenen, voran prominente Bonner Partei-Frauen, begeisterten sich für das Konzept, das sich wie eine Art Ei des Kolumbus für das schwierige Problem weiblicher Emanzipation ausnimmt. Optimistisch in die Zukunft gedacht, verheißt das Konzept der Tagesmütter immerhin nicht weniger als den Ausgleich zwischen entgegengesetzten weiblichen Interessen: Die Mütter, die zu Hause für ihre Kinder sorgen und dafür als "Nur-Hausfrauen" bislang keine materielle und wenig ideelle Anerkennung finden, können zu Angehörigen eines geschätzten Berufsstandes werden; jene. Frauen hingegen, die sich nicht intensiv um ihre Kinder kümmern können oder wollen, dürfen ungehindert außerhäuslicher Arbeit nachgehen.

Freilich: Was vielen Frauen gefällt, ist nicht zwangsläufig auch gut für die Kinder. Vor allem nicht, wenn es sich um Kleinkinder und Säuglinge handelt. Eben dies aber sieht das Modellprojekt, das demnächst anläuft, vor. Nur Säuglinge und Kleinkinder sollen aufgenommen werden.

Nach Abstimmung mit den Bundesländern – Westberlin beteiligt sich nicht – sollen, in zehn- bis vierzehn regionalen Schwerpunkten jeweils etwa 30 Kinder Tagesmüttern anvertraut werden. Jede Tagesmutter, die durch eine Kurzausbildung auf ihre Aufgabe vorbereitet wird, darf maximal drei Kinder betreuen, zusammen mit den eigenen Kindern unter zehn Jahren nicht mehr als vier. Nur zwei Pflegekinder dürfen einer Alters- und Entwicklungsstufe angehören.

Arbeitgeber können anerkannte Trägervereine oder Jugendämter sein. Als Lohn, von dem Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abzuführen sind, erhält die Tagesmutter pro Monat 320 Mark für ein Kind, 525 Mark für zwei Kinder und 630 Mark für drei Kinder. Die eigenen Kinder zählen nicht mit. Dazu kommt für jedes ganztägig betreute fremde Kind eine steuerfreie Aufwandsentschädigung in Höhe von 130 Mark monatlich. Diesen Betrag sollen nach Möglichkeit die Eltern zahlen. In die übrigen Kosten teilen sich Bund und Länder. Für drei Jahre vorerst ist der Versuch finanziell gesichert.

Daß das Modellprojekt ausschließlich auf Säuglinge und Kleinkinder ausgerichtet ist, hat zum einen ideologische Gründe: Kollektiverziehung im Kindergarten wird vielfach aus gesellschaftspolitischer Sicht für wünschenswerter gehalten als eine individuell auf das Kind eingehende Betreuung innerhalb der Familie oder in der familienähnlichen Atmosphäre einer Tagesmutter-Wohnung. Zum anderen gibt es kaum etwas Dringlicheres als die Aufgabe, sich um die zahlreichen Säuglinge und Kleinkinder zu kümmern, die wegen unzureichender: Betreuung in ihrer intellektuellen, emotionalen und sozialen Entwicklung dauerhaft geschädigt werden.

In der Bundesrepublik leben zur Zeit schätzungsweise 800 000 Kinder unter drei Jahren, deren Mütter außerhalb des Hauses berufstätig sind. Das bedeutet ein gewaltiges Reservoir für schwere und anhaltende Verhaltensstörungen bis hin zu späterer Kriminalität, und dieses Reservoir erneuert sich alle drei Jahre.