Von Marion Gräfin Dönhoff

Mit Carl J. Burckhardt, der in diesen Tagen auf seinem Landsitz Vinzel nicht weit von Genf zur letzten Ruhe gebettet wird, verläßt eine der großen Gestalten unserer Zeit die Bühne dieser Welt. Er war Historiker, Schriftsteller und Diplomat zugleich. Ein umfassend gebildeten Europäer, der in der französischen und deutschen Geistesgeschichte gleichermaßen zu Hause war und sich im klassischen Altertum ebensogut auskannte wie in der wechselvollen Epoche der italienischen Stadtstaaten.

Welches Vergnügen, mit ihm durch Rom oder Paris zu wandern: überall lebten für ihn die Geister vergangener Zeiten. Nicht als bronzene Denkmäler oder archiviertes Bildungsgut, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut mit überraschenden Zügen und Bezügen, durch lustigen Klatsch der Zeitgenossen in ihren skurilen Eigenschaften und kleinen Schwächen charakterisiert.

Der 1891 Geborene, der sechs Jahrzehnte lang die Geschichte des 20. Jahrhunderts schreibend und handelnd begleitete und mitgestaltete, hat den Zusammenbruch des Habsburgischen Reiches und der alten europäischen Ordnung in nächster Nähe erlebt. Er hat das Heraufziehen des Massenzeitalters, den Wechsel von Demokratie und Faschismus, die Verbindung von autoritärer Ordnung und chaotischer Grenzenlosigkeit früher gespürt als die meisten andern.

Und er konnte erzählen wie kein anderer – häufig spöttisch, gern ein wenig maliziös, aber stets auch mit einem Schuß Selbstironie. Er war ein Raconteur, wie nur jene Generation ihn hervorzubringen im Stande war, die als letzte noch über Muße verfügte und in ländlichen Schlössern und städtischen Salons auch das entsprechende Publikum fand. Niemand der soviel Hintergründiges auf Reisen, oft schon auf der Fahrt in den nächsten Ort erlebte und dessen Phantasie dabei immer wieder geschichtliche Assoziationen und Vergleiche hineinflocht, wie ein Gärtner, der mit großem Vergnügen einen Kranz bindet.

Mit einundzwanzig Jahren wohnte er 1912 in München dem Begräbnis des Prinzregenten Luitpold bei. Er hat die Szene später beschrieben, aber die Beschreibung macht doch den Sinn für historische Dimensionen deutlich, der schon den Studenten auszeichnete. Die Schilderung beginnt mit der beiläufigen Bemerkung: "Fräulein Anastasia Held, meine betagte Zimmervermieterin, war schon schwarz gekleidet, als ich nach Hause kam. Ihre Augen waren rot, sie schluchzte vorwurfsvoll, weil ich ein Ausländer war und sie somit annahm, ich sei ihrem Schmerz gegenüber weitgehend verständnislos..."

Dann wird der Trauerzug beschrieben: "Eine halbe Pferdelänge voraus schritt einsam Wilhelm II., der deutsche Kaiser und König von Preußen. Einsam schritt er dahin, kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, die blauen Augen blickten starr, tief ernst. Unerschöpflich scheinende Macht, Hoheit und Ernst des Herrscheramtes stellte er dar. Als erster unter seinen Paladinen wandelte er dahin, ein Mime, vom nahe bevorstehenden Schicksal schon gezeichnet – einem Schicksal, das nicht seiner Person galt, sondern der ganzen tausendjährigen Welt, als deren Vertreter er vor uns auftauchte und wieder verschwand."