Frankreichs alter und neuer Wirtschafts- und Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing gehtschweren Zeiten entgegen. Just an dem Tag, an dem Premierminister Pierre Messmer den Rücktritt seines Kabinetts einreichte, verkündeten Giscards unbestechliche Statistiker, daß im Januar die Verbraucherpreise um nicht weniger als 1,7 Prozent gestiegen waren. Umgerechnet auf ein Jahr bedeutet das eine Teuerungen über 20 Prozent.

Giscard weiß genau, daß zumindest für Februar und März ähnlich hohe Preissteigerungen zu erwarten sind. Daß daran nicht allein die Ölscheiche schuld sind, davon kann jede französische Hausfrau ein Lied singen. So kosten seit dem 1. März Butter und Käse drei Prozent mehr. Milch wird wohl noch in diesem Monat um rund sechs Prozent teurer. Die Strompreise werden in den nächsten Tagen um rund 15 Prozent heraufgesetzt, und für Gas sollen die Haushalte demnächst gar 50 Prozent mehr bezahlen.

In seiner über zehnjährigen Amtszeit erlebte Giscard kaum jemals eine derartige Eskalation der Preise. Dies ist um so erstaunlicher, als die traditionellen Preiskontrollen erst im Herbst verstärkt und im Dezember durch ein Anti-Inflationsprogramm ergänzt wurden. Bis zum April muß sich Giscard überdies etwas einfallen lassen; denn dann laufen die gegenwärtig gültigen Preiskontrollen aus. Viele Unternehmen warten ungeduldig darauf, die Preise endlich so zu erhöhen, wie sie es gern möchten. Damit würden aber noch im Frühjahr die Preise erneut ruckartig in die Höhe schnellen.

Angesichts der Preisprobleme denkt niemand mehr an die wirtschaftlichen Versprechungen, die Premier Messmer vor elf Monaten nach der Bildung seines zweiten Kabinetts machte. Er hatte damals eine Lieblingsidee seines Lehrherrn Charles de Gaulle ausgegraben: die Participation als „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Statt sich mit großen Reformen zu beschäftigen, wird Giscard in den nächsten Monaten ein kurzfristigeres Problem lösen müssen: In manchen Branchen (vor allem in der Automobil- und Luftfahrtindustrie) sind zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet. Und die Gefahr schwerer sozialer Konflikte ist bei Arbeitslosigkeit größer, als wenn es nur um Lohnforderungen geht.

Das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit, das die Gewerkschaften bereits an die Wand malen, scheint übertrieben. Doch selbst eine stärkere Rezession wird sich Giscard nicht leisten können, wenn er auch im nächsten Kabinett wieder mit von der Partie sein möchte. smi