Von Jörg Bischoff

Ein Obst- und Gemüsehändler aus Geradstetten im schwäbischen Remstal hat es verstanden, über Nacht eine kleinbürgerliche Landstadt von 32 000 Einwohnern aus einem jahrzehntelangen politischen Dämmerschlaf zu reißen. Viereinhalb Monate lang hielt Helmut Palmer (43), „Rebell“, „Bürgerrechtler“, „Prediger in der Wüste“ und wie er sich sonst noch nennt, die ehemals freie Reichsstadt Schwäbisch Hall in einen Wahlkampf ohnegleichen um das Amt des Oberbürgermeisters in Atem. Die Hauptstadt des ärmsten Landstrichs Baden-Württembergs, in der es nicht viel mehr gibt als die Erinnerung an das Fürstentum Hohenlohe, zitterte förmlich vor diesem Bürgerschreck, in dessen Wahlkampfreden „Arschloch“ und „Drecksau“ noch zu den vornehmeren Charakterisierungen seiner politischen Gegner zählten.

Nur dank einer Art Volksfront aller etablierten Parteien und der Besonnenen gelang es am vergangenen Wochenende, Palmer im zweiten Wahlgang bei rund 41 Prozent der Stimmen festzuhalten und damit seinem Gegenkandidaten, dem farblosen „Filderkrautschultes“ Friedrich Karl Binder aus Nellingen bei Stuttgart, zum Sieg zu verhelfen.

Lange bevor Palmer, unehelicher Sohn eines jüdischen Vaters und deshalb während der Nazizeit an den Rand der Gesellschaft seiner Heimatgemeinde gedrängt, in Schwäbisch Hall den Höhepunkt seiner Laufbahn erklomm, hatte er als Politclown und Veranstalter skurriler Provinzhappenings schon von sich hören lassen. Er wurde Stammkunde der schwäbischen Polizei und Justiz, als er unverschlossen abgestellte Streifenwagen „entführte“, Akten aus offenstehenden Amtsstuben davonschleppte, eigenhändig Verkehrszeichen versetzte oder verkehrsgefährdende Bäume umhackte. Er kämpft gegen alles, nur nicht gegen sich selbst, gegen „Klassenjustiz“ und „Faulenzer in der Verwaltung“, gegen die „Duckmäuser der Pfaffen“, gegen „Planungsverbrecher“, gemeingefährliche Straßen, Klüngelwirtschaft, Lebensmittelvernichtung in der EG, Tiefkühlkost, Gewässerverschmutzung und hochgezüchtete Bühler Zwetschgen.

Vor Jahren lebte er monatelang im Untergrund, weil ihn ein Amtsgericht wegen Verleumdung ins Gefängnis hatte schicken wollen. Wieder aufgetaucht und offiziell von der badenwürttembergischen Landesregierung „geduldet“, setzte er seinen Feldzug unverzüglich auf Wochenmärkten in vielen Städten Baden-Württembergs wieder fort, wo er als politischer Marktschreier „Rebellenwurst“ verkauft, Kunden mit Kunststofftragetaschen rüde abweist und jede schwangere Frau zuerst bedient. So galt Palmer in Schwaben immer nur als kabarettistische Bereicherung von Wahlkämpfen, als er sich in Ulm, Reutlingen, Schorndorf, Mannheim, Freiburg oder Esslingen um den Sitz des Oberbürgermeisters bemühte. Der schlagfertige Schwabe, der mit erstaunlicher Schnelligkeit die Vetterleswirtschaft betulicher Kleinstädte durchschaut und sofort in politische Münze umsetzt, füllte zwar die Säle, mehr als den üblichen Juxwähleranteil von höchstens zehn Prozent hatte er aber nie erreichen können.

Anders in Schwäbisch Hall. Dort brachte eine Reihe denkwürdiger Umstände dem hemdsärmeligen „Mann des Volkes“ auf Anhieb 41 Prozent der Stimmen ein, wobei die rasch unterstellte Staatsverdrossenheit der Haller wohl die geringste Rolle spielte. Vornehmlich war es wohl die Pöstchenwirtschaft der Hohenloher Parteien, die bei CDU und SPD zwei außergewöhnlich schwache Kandidaten hervorbrachte. Der SPD-Mann war so langsam, daß ihm laut Palmer „das Brot in der Gosch verschimmelt“; der CDU-Kandidat, ein Amtsrichter, der „schon halb Hall ins Gefängnis geschickt hat“, wurde nur erkoren, weil er bei der baden-württembergischen Kreisreform seinen Stuhl als CDU-Kreisvorsitzender in Hall verloren hatte,

Und dann waren da die kommunalpolitischen Verhältnisse dieses schwäbischen Landstrichs, der schon die Vorhut für die NPD abgegeben hatte und bis zur Oberbürgermeisterwahl nicht gewohnt war, sich politisch zu artikulieren und zu entscheiden. Mehrere Haller Firmen finanzierten den Wahlkampf aller Kandidaten gleichzeitig, in der Hoffnung auf geschäftliche Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Sieger. Theodor Hartmann, der altershalber ausscheidende Oberbürgermeister, hatte gute Kommunalpolitik betrieben, aber mehr im Stile der Hohenloher Fürsten als unter Beteiligung von Bürgerschaft und Gemeinderat.