DIE ZEIT

Tempo und Tod

In einer von Emotionen und Propagandaaktionen angeheizten Atmosphäre wird der Bundesrat in dieser Woche über den Tempostopp auf Autobahnen zu entscheiden haben.

Israels Querelen

Die Lage war in Israel schon manches Mal so ernst wie dieser Tage: Auch David Ben Gurion hatte als Ministerpräsident sein Land durch eigenwillige, überraschende Entscheidungen in Führungskrisen gestürzt.

Bonner Bündnispflege

Bündnispflege wird in Bonn wieder größer geschrieben. Wenngleich es sich um einen bloßen Zufall handelte, so wirkt es doch fast symbolisch, daß sich der französische und der amerikanische Außenminister am vergangenen Wochenende in der Bundeshauptstadt die Klinke in die Hand gegeben haben.

Der Schock von Hamburg

Das Wahlergebnis von Hamburg ist für die Sozialdemokraten ein Schock. Die Stadt galt bisher als der Inbegriff politischer Stabilität: ein rocher de bronce inmitten wechselnder politischer Tendenzen.

Ohne Widerstand

Zwei Tage vor der Hamburg-Wahl verpflichteten Verwaltungsrichter zweier Instanzen den Norddeutschen Rundfunk, über Mattscheibe und Lautsprecher einen Wahlaufruf der „Marxisten-Leninisten“ zu senden.

Zeitspiegel

Die CDU/CSU will sich um die Fußballfreunde unter den Nacht- und Schichtarbeitern verdientmachen. In einem im Bundestag eingebrachten Antrag hat sie die Regierung aufgefordert, allen Einfluß aufzubieten, damit die Spiele der kommenden Fußballweltmeisterschaft von der ARD und dem ZDF am folgenden Vormittag für jene Arbeiter – „deren Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ohnehin eingeschränkt ist“ – noch einmal gezeigt werden können.

Alte Praxis

Diktaturen lieben keine Zwischentöne, in Worten nicht und schon gar nicht in Taten; Milde scheint ihnen allemal ein gefährliches Zeichen von Schwäche.

Der Ring schließt sich

Bis zum 1. März, dem Tag der ersten Watergate-Anklage, gab es einen Schutzwall, hinter dem sich viele verschanzen konnten: der Präsident selber und auch diejenigen, die ihn nicht belasten wollten.

Ein scharf kalkuliertes Risiko

Die Bonner Koalition ist nach manchen irreführenden Umwegen wieder an ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt: zum ursprünglich ausgehandelten Kompromiß über die Mitbestimmung in Großunternehmen.

Fehlurteil im Mahler-Prozeß: Der entthronte Kronzeuge

Vor gut einem Jahr, am 26. Februar 1973, wurde der Rechtsanwalt Horst Mahler vom 1. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung – der Baader-Meinhof-Gruppe – zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt: Mahler sollte am 29.

Abgrenzung ohne Grenzen

In der Welt von heute kann es weder eine ,Annäherung‘ oder ‚Aussöhnung‘ zwischen Sozialismus und Imperialismus, noch ‚Verzicht auf Klassenkampf‘ geben, denn Fortschritt und Reaktion lassen sich nicht miteinander vereinen.

Wolfgang Ebert: Schleudersitze

Alljährlich treffen sich auf einer geheimen Insel im Stillen Ozean die Mitglieder von „Summit“, einem Club, dem nur Regierungschefs angehören, die dort gerne einmal zwanglos über Berufsprobleme plaudern möchten.

Wettlauf mit Kissinger

Henry Kissinger kam wieder als erster, aber nicht mehr als einziger. Kaum hatte der amerikanische Außenminister der Sphinx den Rücken gekehrt, da hielt in derselben Kulisse der Moskauer Diplomatenchef Andrej Gromyko seinen Einzug.

Sorgen nach dem Sieg

Die prophezeite Niederlage blieb aus. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn verfügte am Wochenende unerwartet über soviel Freizeit und Lust, daß er schnurstracks in zwei Grundschulen spazierte, um sich die strittige Mengenlehre anzuhören, die wegen nicht abreißender Elternproteste den Landtag beschäftigt.

Gebremster Rebell

Ein Obst- und Gemüsehändler aus Geradstetten im schwäbischen Remstal hat es verstanden, über Nacht eine kleinbürgerliche Landstadt von 32 000 Einwohnern aus einem jahrzehntelangen politischen Dämmerschlaf zu reißen.

„Formales Alibi“

Ein Richter traut seinen Kollegen nicht mehr. Henning Koscielski, SPD-Abgeordneter in der Lübecker Bürgerschaft und qua Parteiamt seit einigen Monaten zum ehrenamtlichen Richter an den 5.

Ein Fenster zum Nachbarn

Am 13. März beginnt in Bremen ein Stück Zukunft: Der kleinste Sender der Bundesrepublik startet den Modellversuch „Kabelfernsehen“.

Berlin – wohin?

Das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin ist nun mehr als anderthalb Jahre in Kraft, seit dem 3. Juni 1972. Noch länger gibt es Streit um die Auslegung des Abkommens: Die verschiedenen Interpretationen zeichneten sich bereits ab, als bei der Paraphierung des Abkommens Anfang September 1971 keine einheitliche deutsche Übersetzung zustande kam.

Diktat der Anzeigenkunden?

Natürlich ist die Presse von Anzeigen abhängig. Das ist so klar, daß man es gar nicht beweisen muß. Erlösrelation Anzeigen zu Vertrieb 1972 – FAZ 77:23; ZEIT 54,5:45,5; Süddeutsche Zeitung 77,5:22,5; Stern 51:54.

Wozu braucht man Verleger?

Als vier Leute, Richard Tüngel, Lowis H. Lorenz, Ewald Schmidt (di Simoni) und Bucerius Ende 1945 von der britischen Besatzungsmacht die Lizenz für die Wochenzeitung DIE ZEIT bekamen, da kam das in der Tat fast einer Erlaubnis gleich, Geld zu drucken.

Bonn–Paris: Jobert d’accord

„Mein lieber Freund, ich bin sehr froh, Sie wiederzusehen“, sagte der französische Außenminister Jobert auf deutsch, als er am Freitag seinen Kollegen Scheel in Bonn begrüßte.

Wilson wieder Premier

Vier Tage nach den spannendsten britischen Wahlen der Nachkriegszeit hat der bisherige Premierminister Edward Heath am Montag die Waffen gestreckt und den Auftrag zur Regierungsbildung zurückgegeben.

Bundesrat: Tempo 130?

Die Entscheidung über die künftige Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen in der Bundesrepublik wird am Freitag im Bundesrat fallen.

Teilwahlen schwächen Indira Gandhi

Ganz Indien schaute auf Uttar Pradesh, den volkreichsten Unionsstaat. Die Wahlen in der Heimatprovinz von Indira Gandhi – 90 Millionen Einwohner – galten als Gradmesser für das Ansehen der Premierministerin.

Bonn–Washington: Feste Beziehungen

Als freundschaftlich und sehr fest bezeichnete der amerikanische Außenminister Kissinger die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik.

Regierungskrise in Rom

Keine acht Monate war die 35. italienische Nachkriegsregierung im Amt; sie hat damit die durchschnittliche Lebensdauer ihrer Vorgänger von 9,6 Monaten noch beträchtlich unterboten.

Frankreich: Kleineres Kabinett

Vergangene Woche trat der französische Premierminister Messmer zurück – um nach ein paar Stunden eine neue Regierung zu bilden.

SPD-Niederlage in Hamburg

Über Erwarten hoch sind die Stimmenverluste der Sozialdemokraten bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg. Die regierende SPD verlor am Sonntag erstmals seit 1957 die absolute Mehrheit; sie ist im Landesparlament nunmehr auf die Mithilfe ihres bisherigen und künftigen Koalitionspartners FDP angewiesen.

Respekt nur noch vor dem alten Kaiser

Viele der heute Mächtigen in Afrika waren noch nicht geboren, als Haile Selassie 1928 den äthiopischen Thron bestieg. In seiner schon historischen Würde ist der Respekt der meuternden Truppen gegenüber dem 81jährigen Monarchen begründet, obwohl sie Selassies Herrschaftssystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben.

Syrien und Israel uneins

Henry Kissingers vierte Vermittlerreise in den Nahen Osten hat lediglich bewirkt, daß beide Kontrahenten – Syrien und Israel – sich bereit erklärten, weiter über ein Aneinanderrücken ihrer Truppen auf den Golanhöhen zu verhandein.

Wie sollen Kinder lesen lernen?

Auf den Unterrichtspflichtstoff Mengenlehre geht derzeit ein Platzregen von Vorwürfen („intellektuelle Notzucht“, „Pervertierung“, „verfassungswidrig“) nieder.

Deutschland, deine Kultur

Erben ist kein Spaß. Als am 25. Februar 1947 der Alliierte Kontrollrat mit seinem 46. Gesetz dem Staat Preußen den Totenschein ausstellte, machten nur wenige sich Gedanken, was mit dem in Bergwerken, Salinen und altem Gemäuer ausgelagerten kulturellen Hab und Gut eines großen Landes geschehen solle, das nie nur dem Militär, sondern immer auch – was mancher heute noch nicht wahrhaben will – den Musen (wenn auch oft karge) Heimat war.

Unser Hitler, vierzehntäglich

Bleibt uns Hitler nicht erspart? fragte Karl-Heinz Janßen am 20. Juli 1973 in einem Leitartikel der ZEIT. Damals hoffte er noch, daß es nicht bloß „mit Geschäften und Profitmaximierung“ zu tun habe, wenn sich „zwei Zeitschriften mit Millionenauflagen“ durch Vorabdrucke aus Werner Masers und Joachim C.

ZEIT-Starreporter Charlie op den Draht:: Bestseller 1980

Seit Un Geller uns besucht hat, sind unsere Uhren verbogen, und die Gabeln ticken wieder. Außerdem hat er uns – in einem für ihn neuartigen Versuch – die beiden Bestsellerlisten der ersten „Spiegel“-Ausgabe des Jahres 1980 (mit einigen Erläuterungen) diktiert.

Zeitmosaik

In unseren Schauspielhäusern gewinnt man den Eindruck, als wäre Theater von Natur her eine alleinige Angelegenheit für Angehörige des Mittelstandes, die sich in nimmermüder Leistungswilligkeit gemeinsam einem Härtetest im Ertragen von Langeweile, von nicht minder ermüdender hektischer Turbulenz und unsinniger Provokation aussetzen.

Im Zeichen des Sparschweins

Der Boulevard gehört nicht mehr den Boulevardiers allein. Da begann Deutschlands ernsthaftestes Theaterensemble, die Berliner Schaubühne, die Saison mit einem Schwank aus der Belle Époque, mit Eugène Labiches „Sparschwein“.

Die Chinesen in Paris

Endlich hat Jean Yanne, Quatschmacher Nummer eins unter Frankreichs Filmregisseuren, jemanden gefunden, der ihn ernst nimmt: Chinas Botschafter in Paris.

Die DDR-Forschung in Gefahr

Die DDR-Forschung verdankt ihr Entstehen der Teilung Deutschlands, also einem Politikum. Sie hat es mit einem Forschungsgegenstand zu tun, der politisch gewertet werden muß.

Filmtips

„Verflixte Gastfreundschaft“ von Buster Keaton. Buster gerät als junger Anwärter auf ein fragwürdiges Erbe in den Teufelskreis einer Familienfehde.

Junger deutscher Profi

Das geht also: ein deutscher Krimi ohne eindimensionale Finsterlinge, ohne strahlend weiße Helden, ohne hektische Effekte, ohne mürrisch plakative Verzeichnung von Figuren und Milieu.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Wie schön, daß es keine Sensation geworden ist. Der Jazz-Pianist Dave Brubeck, immerhin Jahrgang 1920, reist mit seinen drei Söhnen durch Europa, gibt mit dieser Familien-Combo, mit dem Pianisten Darius, dem Posaunisten Chris und Daniel, dem Benjamin hinter den Trommeln, überall die großen Konzerte, und wie leicht hätte da das Podium zum Tummelplatz für Generationskonflikte werden, können.

Kunstkalender

Heinz te Laake aus Berlin hat erstens das Pech, fünfzig Jahre alt zu sein, ein Künstler der verlorenen Generation, nicht Altmeister, nicht Nachwuchs.

Schallplatte

Ist nach den Flöten und den Trompeten jetzt das Horn zu entdecken als das Solo-Instrument in unzähligen höfischen Unterhaltungs- und Tafelmusiken? Während sich die großen Hornisten unserer Tage auf Mozart, vor allem auf die Virtuosität der Romantiker konzentrieren, hat sich der aus Australien stammende Barry Tuckwell offenbar auch sehr intensiv den früheren Stücken und den ihnen gemäßen Blas-Techniken gewidmet, bei denen neben der „schönen Linie“, dem Repetieren von Tönen, dem sicheren Sprung in größere Intervalle und dem synkopierten, gegen den Takt-Akzent geführten Ansatz eine exquisite Verzierungskunst gefordert wurde.

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