Von Dietrich Strothmann

Die Lage war in Israel schon manches Mal so ernst wie dieser Tage: Auch David Ben Gurion hatte als Ministerpräsident sein Land durch eigenwillige, überraschende Entscheidungen in Führungskrisen gestürzt. Daß es ihm nun seine politische Weggefährtin Golda Meir, voll bitteren Zorns über die Zerstrittenheit in ihrer Partei gleich tat, ist für sich genommen noch kein Anlaß zur Besorgnis. Die alte Dame hat sich unterdessen ja auch dem Drängen ihrer Freunde gefügt, es doch noch einmal mit der Bildung eines Minderheitskabinetts zu versuchen. Und es mag ihr sogar gelingen, Tauben und Falken der eigenen Fraktion in den Regierungskäfig zu sperren und, bis Neuwahlen fällig werden, zur Koalitionstreue zu verpflichten.

Zu Bedenken gibt das inner-israelische Zerwürfnis aus anderem Grunde Anlaß: Ist ein Land, das mit sich selber im Kriege liegt, ist ein Volk, das in einer tiefen sozialen und Wirtschaftlichen Krise steckt, überhaupt zum Frieden mit seinen arabischen Feinden fähig? Eine Regierung, die im Parlament über keine Mehrheit verfügt, eine Regierungspartei, in der Einzelkämpfer wie Moshe Dayan politische Entscheidungen von großer Tragweite blockieren können, ein brüchiges Koalitionsbündnis – damit läßt sich in normalen Zeiten leben, damit kann man sogar überleben. Israel aber, in vier Kriegen herausgefordert, sich seiner Existenz zu erwehren, muß nun, zum erstenmal, beweisen, daß es sich auch im Frieden behaupten kann, sei er im Augenblick auch noch so fern.

Schon die vagen Aussichten, daß Araber und Israelis eines Tages verträglich nebeneinander leben könnten – vorausgesetzt natürlich, Israel wäre sogar zu "schmerzhaften Zugeständnissen" bereit (Golda Meir) –, fördern im Lande die Furcht, das Ende aller Sicherheit sei nahe. Zu lange, sechs Jahre nämlich, vertrauten die Israelis darauf, daß sie es seien, die Zeit hätten, daß sie warten könnten, bis die Araber zu Kreuze kröchen. Nun müssen sie gewahr werden, daß die Zeit auf Seiten der anderen ist – und, was eine gerechte, dauerhafte Lösung des Konfliktes betrifft, sogar die Amerikaner.

Washington wie Moskau sind, gewiß aus unterschiedlichem Interesse, auf einen israelischarabischen Ausgleich programmiert. Kissinger vor allem, aber auch Gromyko, brauchen Fortschritte in der Entspannung an der Golan-Front, damit die zweite Runde der Genfer Gespräche beginnen kann. Auch dem ägyptischen Präsidenten Sadat ist daran gelegen, damit der israelische Rückzug aus dem Sinai nicht allzu lange ins Stocken gerät. Und wenn der Syrer Assad bislang weniger Entgegenkommen bekundet hat, so ist dies wohl noch nicht sein letztes Wort.

Israel aber ringt derzeit mit innenpolitischen Problemen, die einem Außenstehenden kaum begreiflich zu machen sind. Der Streit um die Frage etwa, wer ein Jude sei, an dem die alte, regierungsfähige Koalition zerbrach (durch den autoritären Einspruch der Oberrabbiner) – dieser heillose religiöse Zwist verzögert die Antwort auf die gravierende politische Frage: Wie endlich Friede gefunden werden kann.

Der letzte Krieg, der zum jüdischen Versöhnungsfest ausbrach, hat die Israelis unversöhnt zurückgelassen, unversöhnt mit sich selber. Das ist, nach den Versäumnissen, denen sich die Regierung am 6. Oktober schuldig machte, nach den vielen Opfern, die dieser Krieg kostete, eine weitere bittere Lektion für ein Volk, das soviel Leid erfuhr in seiner Geschichte. Ist es nun dabei, selbst die Chance des Friedens, so gering sie auch sein mag, zu verpassen – weil es mit seinen Querelen nicht fertig wird? Auf einem der letzten Jeeps, die kürzlich den Suezkanal in Richtung Israel überquerten, hatte die Besatzung den Satz gemalt: "Von den Kriegen gegen Ägypten zurück zu den Kriegen der Juden."

Am Suezkanal haben die Israelis einen Tag vor dem festgesetzten Termin das vorgesehene Gebiet geräumt. Der Kommandeur der UN-Truppen, General Sillasvuo, war des Lobes voll; es habe keine Probleme gegeben. Israels Teilrückzug, so meinte er, könne der erste Schritt zum Frieden sein. Vor dem zweiten Schritt, so scheint es, muß Israel erst einmal wieder mit sich selber Frieden schließen. Nur eine starke Regierung, nur ein Volk, das seine eigenen Konflikte und Krisen überwindet, ist auch zu einem Frieden fähig mit anderen.