Das geht also: ein deutscher Krimi ohne eindimensionale Finsterlinge, ohne strahlend weiße Helden, ohne hektische Effekte, ohne mürrisch plakative Verzeichnung von Figuren und Milieu. Der ihn gemacht hat, heißt Wolfgang Petersen, 32 Jahre alt, Absolvent der Berliner Film- und Fernseh-Akademie, bislang durch einige „Tatort“-Inszenierungen für den NDR und die Regie von Menges „Smog“ für den Kölner Sender aufgefallen.

Mit Kunst oder dem, was deutsche Filmkritiker gern dafür halten, hat Petersen erfreulich wenig im Sinn. „Einer von uns beiden“, seine erste Arbeit für das Kino, ist entwaffnend kommerziell, sollte nicht an der extrem künstlichen Kälte von Rudolf Thome. („Fremde Stadt“) gemessen werden, aber auch nicht an den billigen, gedankenlosen Räuber-und-Gendarm-Spielen der schlampigen Routiniers von Harald Reinl über Alfred Vohrer bis hin zu Jürgen Roland. Irgendwo in der Mitte, im reizvollen Niemandsland zwischen cineastischem Planspiel und den spekulativen Vorstellungen der alten Branchenbosse, operiert Petersen mit souveräner Gelassenheit. Akademieausbildung auf der einen und Geld von Luggi Waldleitner auf der anderen Seite sind für ihn höchstens eine Herausforderung.

Abbruch viertel in Berlin, der gar nicht pittoreske Mief von Mietskasernen und Wohnküchen. Eine Villa im feinen Vorort, akademischer Glanz, ein schöner Duft von Kapital. Einer, der verkrachte Student Ziegenhals (Jürgen Prachnow), will raus aus seinem Milieu; der andere, Soziologie-Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf), soll ihm dabei helfen. Ziegenhals erpreßt Kolczyk, weil jener vor zwanzig Jahren in Amerika seine Dissertation einfach aus einem älteren Werk abgeschrieben hat. Auf kleinster Ebene entwickelt sich ein mörderischer Kampf: Ziegenhals will Geld, Kolczyk will seine Ruhe, einer muß dran glauben.

Der allmählichen Eskalation dieses Duells, das mit allen erdenklichen Mitteln physischer und psychischer Demütigung einer ebenso zynischen wie letalen Schlußpointe zutreibt, folgt Petersen mit konzentrierter Aufmerksamkeit. In kurzen Szenen, deren dramaturgische Möglichkeiten nie überstrapaziert werden, konfrontiert er Habitus, Umwelt und Aktionen der beiden Kontrahenten. So entwickelt sich Spannung in erster Linie aus der präzisen plastischen Beschreibung von alltäglichen Gewohnheiten und Umständen, selten nur aus den üblichen Mustern der Gattung, die schon der Autor der Vorlage zu vermeiden wußte. Petersens Film ist ebenso unkonventionell und unaufdringlich kritisch herrschenden gesellschaftlichen Zuständen gegenüber wie der ihm zugrundeliegende Roman des mysteriösen -ky.

Eine funktionale ökonomische Inszenierung, die ihre Mittel ohne Schlenker den Erfordernissen der Geschichte anpaßt, eine beiläufige Sicherheit im Umgang mit Schauspielern, die selbst so verbrauchte Chargen wie Berta Drews, Fritz Tillmann und Walter Gross zu überaus eindringlichen Leistungen inspiriert: all das ist so selten im deutschen Film, im ganz jungen wie im ganz alten, daß Petersens Kinodebut Aufmerksamkeit und Respekt verdient. Hier war ein Profi am Werk, der sein Handwerk perfekt versteht; kein Neuerer, der ästhetische Maßstäbe zu setzen sucht, sondern einfach jemand, der spannende Geschichten spannend erzählen kann, ohne in provinzielle Biederkeit zu verfallen. Einen „Glücksfall“ nennt man dergleichen wohl.

Petersens Vorbilder heißen Ford und Hawks, Truffaut und Polanski. Ein bißchen viel auf einmal, und in der Tat mangelt es gelegentlich noch etwas an absolut konsequenter erzählerischer Homogenität, stehen reizvoll düstere Stimmungsbilder à la Melville neben schlichten Schuß-Gegenschuß-Dialogen. Petersen wird lernen müssen, sein großes Talent noch aufmerksamer zu kontrollieren. Wenn ihm das gelingt, und nichts spricht dagegen, wird man ihn an seinen Lieblingsregisseuren messen dürfen. Warten also auf Wolfgang Petersen. Hans C. Blumenberg